Stoff einer Bildungswelt, die Allegorik endlich nur abgeleiteteErlebnisse. Sie steht daher künstlerisch am tiefsten, und dieSympathie des Darstellers ist überall bei den Urerlebnissen. Dasscheint in unserem Zeitalter völlig selbstverständlich.
Ob es Urerlebnisse von künstlerischer Bedeutung im Gegen-satz zu allen Bildungserlebnissen bei einem geschichtlichenMenschen, der Kulturwerke schafft, überhaupt gibt, wird nichtgefragt, obwohl es als sehr fragwürdig gelten sollte. Ob jemalsein großer Kulturmensch religiöse, titanische, erotische Erleb-nisse von mehr als persönlich privater Bedeutung gehabt hat,falls nicht irgendein Bildungseinschlag dabei wesentlich mit-wirkte, scheint in unserer Zeit der Lebensbegeisterung keinProblem, obwohl es gewiß eminent problematisch ist.
Kein Wunder, daß unter diesen Umständen der Lebensbe-griff immer mehr in die P h i 1 o s o p h i e eindringt. Ihr wendenwir uns jetzt zu, um sie zunächst allgemein zu charakterisieren.Dabei kommt selbstverständlich auch die außerwissenschaftlicheWeltanschauungsphilosophie mit in Betracht.
Am nächsten liegt der Gedanke an eine Lebensethik.Die Lehre vom Sittlichen war stets der Teil der Philosophie,der die weitesten Kreise beschäftigte. Auf das Leben selbst willman die sittlichen Ideale gründen. Möglichst viel soll der Menscherleben und möglichst lebendig nach allen Richtungen sein Lebengestalten. Nichts Lebendes, das sich regen will, darf er unter-drücken und verkümmern lassen. Wie der Baum und die Blumeim Felde blüht auch der Mensch, und er soll es wissen. SeineBlütezeit nicht auszuleben, nicht jedes Erlebnis mit offenen Armenzu empfangen und auszukosten, heißt sich selbst töten. Lebe!so lautet der neue kategorische Imperativ. Ethische Bedeutunggewinnt das Leben nur, wenn es zum Gipfel der Lebendigkeitgeführt und in seiner ganzen Breite vom Leben durchströmtwird.
Freilich ist das Wort „ausleben“ wohl schon etwas anrüchiggeworden. Mancher sieht ein, daß sogar eine Berufung auf dasBlühen der Pflanzen nicht überall passen will, da am Meere undin kahlen Ebenen die einsamen Bäume und Sträucher mehr vonKampf und Entsagung zu zeugen scheinen. Vollends werdenErfahrungen im menschlichen Leben den Gedanken nahelegen,