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schäften nennt, tritt es zutage. Von dem Historiker wird ver-langt, er solle nicht totes Wissen geben oder von abgelebten, un-lebendig gewordenen Tatsachen der Vergangenheit berichten,die uns in ihrer Starrheit nichts mehr angehen. Er müsse viel-mehr sich einleben in das Geschehen früherer Zeiten, es nacher-leben und so wieder lebendig machen, wie die unmittelbare Gegen-wart lebendig ist. Das Mitleben mit unseren Vorfahren soll eruns ermöglichen und ihren Geist in uns am Leben erhalten. Fürdie verschiedensten Gebiete der Kultur, für Kunst und Recht,für Wirtschaft und Religion der Vorzeit ist das zu leisten. ZumLeben sind ihre schlummernden Kräfte wieder zu erwecken. Dementspricht, daß auch im geschichtlichen Stoff nur das wichtig er-scheint, was einst ursprünglich und wahrhaft lebendig war,während alles abgeleitete und lebensschwache Geschehen der Vor-zeit nur ein sekundäres Interesse bietet.
Steht doch, um ein konkretes Beispiel zu geben, unter dieserAuffassung sogar ein so selbständiges Werk wie Gundolfs Goethe,wenigstens mit Rücksicht auf sein Programm x ). Der Dichterwird darin mit Dante und Shakespeare verglichen und mit seinerWelt nicht so gleichartig wie diese erfunden. Sie waren ursprüng-liche Menschen in einer ursprünglichen Welt, Goethe ein ursprüng-licher Mensch in einer abgeleiteten, in einer Bildungswelt. Soverwebt sich in seiner Existenz Urerlebnis und Bildungserlebnis.Das religiöse, titanische und erotische ist Urerlebnis, und dasBildungserlebnis ist das der deutschen Vorwelt, Shakespeares,des klassischen Altertums, Italiens, des Orients, der deutschenGesellschaft. Von hier aus gilt es, das gesamte Werk Goetheszu verstehen, seine Lyrik, seine Symbolik, seine Allegorik. Diesean der Nähe des Urerlebnisses gemessene Einteilung hat an dieStelle der üblichen zu treten. Die Lyrik enthält die Urerlebnissedargestellt im Stoff seines Ich. Da kommt das Bildungserlebnisnicht in Betracht. Auch Weither und Tasso nähern sich dieserSphäre. . Die Symbolik enthält das Urerlebnis dargestellt im
1) Friedrich Gundolf, Goethe. 1916. Bezeichnendist, daß diese Gedanken nur in der „Einleitung“ eine Rolle spie-len. Sie erscheinen dort wie ein Tribut, den der Autor seiner Zeitentrichtet. Doch kommt der Lebensbegrilf bei den Theoretikerndes Kreises um Stefan George auch sonst vor. Georges großeLyrik steht hoch über aller Lebenspoesie.