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So hat Simmel, der uns später als Lebensphilosoph nochbeschäftigen wird, im künstlerischen Leben den Ex -pressioni smus als eine der auf das Leben gerichteten Bestrebungenzu deuten gesucht. Die innere Bewegtheit des Künstlers soll sichganz unmittelbar so, wie sie gelebt wird, in das Werk oder ge-nauer als das Werk fortsetzen. Auch die Originalitätssucht beiso vielen jungen Leuten der Gegenwart ist mit der Richtung aufdas Leben in Zusammenhang zu bringen. Was in diesem Fallegerettet werden soll, ist nicht sowohl die Individualität des Lebens,sondern das Leben der Individualität. Die Originalität sei sozu-sagen nur die ratio cognoscendi, die uns vergewissert, daß dasLeben rein bei sich selbst ist und nicht Formen, die ihm äußer-lich, objektiviert und starr sind, in seinen Strom oder seinen Stromin sie aufgenommen hat. Ebenso fordert eine Stimmung innerhalbder gegenwärtigen Religiosität die entsprechende Deutung.Geistig vorgeschrittene Persönlichkeiten befriedigen ihre religiösenBedürfnisse mit der Mystik. Hier steht die Religiosität als einunmittelbar jeden Pulsschlag einschließender Lebensprozeß inFrage, ein Sein, nicht ein Haben, ein Frommsein, das, wenn esGegenstände hat, Glauben heißt, nun aber eine Art ist, wie das» Leben selbst sich vollzieht, nicht eine Stillung der Bedürfnissevon einem Außen her — wie der expressionistische Maler seinkünstlerisches Bedürfnis nicht durch Anschmiegen an einen Außen-gegenstand befriedigt — sondern es wird ein kontinuierlichesLeben aus einer Tiefe heraus gesucht, in der es sich noch nichtin Bedürfnis und Erfüllung zerlegt hat und also keinen „Gegen-stand“ braucht, der ihm eine bestimmte Form vorschriebe. DasLeben will sich unmittelbar als religiöses aussprechen, nichtin einer Sprache mit gegebenem Wortschatz und vorgeschriebenerSyntax 1 ).
Diese feinen Bemerkungen mögen zur Kennzeichnung vonaußerwissenschaftlichen Lebenstendenzen dienen. Für unserenZusammenhang noch wichtiger sind die Lebensrichtungen auf demGebiet der Einzelwissenschaften.
Da soll vor allem die Natur als lebendig verstandenwerden, und dann wird sie der toten, d. h. physikalischen oder
1) Vgl. Georg Simmel, Der Konflikt der modernenKultur.