hierauf die weitere Avisbildung ein gehörigerGrad von Feuchtigkeit begünstigen mufs.Denn wiewohl sie mehr an der Luft, als imWasser das für sie erspriefslichste Elementfinden, so darf doch weder eine zu grofseTrockenheit eintreten, wo dann eine gänz-liche Hemmung Statt findet, noch auch über-mäfsige Nässe, welche ihre Natur jenerder Pilze und Algen nähert. Der weitereAusbildungsgang hat aber im Ganzen grofseAehnlichkeit mit dem, welchen man bei derelementaren Erzeugung beobachtete.
6. Leben der Flechten.
Insofern wir die Lichenen den Pflanzenbeizählen, kommt ihnen auch pflanzlichesLeben zu, das sich freilich ihrer Entwicke-lungsstufe gemäfs nicht so deutlich offen-baren kann, als bei edleren, vollkommenerausgebildeten Pflanzengeschlechtern; ja dergemeine Sinn, wenn er blofs irgend einmalsein Augenmerk auf sie hinrichtete, ohne diefrüheren Zustände derselben zu kennen,kann leicht zu der Meinung veranlafst wer-den , dafs sie eher dem Mineralreiche einver-leibt werden müfsten, als den Vegetabilien.Nur zu deutlich aber spricht sich durch das,wenn auch oft nur langsame Wachsthumdem vergleichenden Forscher ihre vegetabi-lische Natur aus, als dafs er solcher Annahmebeitreten dürfte. Wir wollen daher versu-chen, eine Darstellung ihres einfachen Le-bens zu geben, und so auch zum Verständ-nifs der Erscheinungen etwas beizutragen,welche wir im Folgenden bei Beschreibungder einzelnen Arten noch näher erörternmüssen.
Unter die äufseren Bedingungen, welchedem Lebensspiel der Flechten vor allen zusa-gen, gehört das Licht, daher an dunkeln Oer
LEBEN DER FLECHTEN. I 17
tern nur verkümmerte, oder wenigstens an
Form undFarbe, ja selbst an Eigenschaften um-gewandelte Lichenen vorkommen , indefs siean lichtvollen, nicht zu warmen Plätzen amfröhlichsten gedeihen, wefshalb wir sie in-sonderheit auf den fast überall beleuchtetenHöhen der Gebirge in reger Lebenskraft, ob-gleich von einen reinen und kalten Aetherumschlossen, finden. In der That scheintauch die strengste Kälte keinen Einflufs aufihr Wesen zu üben , ja im Gegentheil mag sieihrem Wachsthume mehr förderlich , als hin-derlich seyn, was aus Betrachtung der reichenLichenenvegetation der Nordländer leicht er-hellet. Selbst der Jahreswechsel bringt keinesolchen periodischen Veränderungen hervor,welche man bei höheren Pflanzen gewahrwird. Dennoch ist eine etwas mit Feuch-tigkeit geschwängerte Atmosphäre zu wei-terer Entfaltung unumgängliches Bedürfnifs.Jene Luftfeuchtigkeit saugen sie dann überalldurch die Körperoberfläche ein, ohne einenbestimmten Drüsenapparat, ja ohne, wie wirsahen, eigentliche Wurzeln zu besitzen, dajene früherhin erwähnten Fasern zwar aucheine Resorptionsfunction haben konnten,gröfstemheils jedoch als Stütze des ganzenFlechtenkörpers dienten. So geht denn die•weitere Verähnlichung (Assimilation) undUmbildung jener Flüssigkeit blofs durchsZellgewebe vor sich.
Jedes Leben aber theilt sich in eine auf-steigende componirende, und in eine ab-steigende, oder decomponirende Hälfte» Inersterer nämlich bei regerer Lebensthätigkeitist die Ausbildung des Körpers Hauptzweck,wobei die Fortpflanzung den Culminations-punct bezeichnet, indefs in letzterer mitbereits gesunkener Lebensthätigkeit, derOrganismus allmählig sich auflöst, zertrüm-
■