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Waisenhäuser.
Bald aber kamen in die ganze Angelegenheit stärkere Impulse. Sie giengen sürdas protestantische Deutschland von einer doppelten Bewegung anS: von einer leben-digeren Entwicklung des strenggläubigen Luthcrthums und von einer besonderen Thalienkeit des diesem Lutherthume vielsach ärgerlichen Pietismus. (Vgl. Art. Pietismus
Spener, Francke.) Wir haben diese Doppelheit der Impulse sofort in voller Leben-
digkeit vor uns, wenn wir Valentin Ernst Löscher und August Hermann Francke nebeneinander uns vor die Augen treten lassen. Die Uebcrgangszcit vom 17. zum 18. Jahr-hundert ist sür das protestantische Deutschland auch in pädagogischer Beziehung ebenals Uebergangszeit von größter Bedeutung gewesen. Während das höhere UnterrichtS-weseu kräftig gehoben wurde, geschah auch für die Entwicklung des Volksschnlwesens'obschon die Hindernisse sehr groß waren, so viel, daß erst jetzt ein rechter Anfang damitgemacht zu werden schien. Ta war es nun doch von eigenthümlicher Wichtigkeit, das
man in so ausgedehnter Weise auch die Kinder der Armen und Aermstcn, die ver-
lassenen Waisenkinder, zu retten und zu bilden unternahm. — Daß A. H- Francke beiden auf das Hallische Waisenhaus gerichteten Arbeiten die in den Niederlanden gege-benen Vorbilder vor Augen gehabt, ist anerkannt. Allein dio»so Vieles bewegende, soGroßes gestaltende Kraft kam aus der Fülle eines in Gott ruhenden und auf Gottvertrauenden Lebens, und so werden wir auch bei dem, was er für den Unterrichtgethan hat, weniger darnach fragen, durch welche Vorbilder er etwa angeregt worden-vielmehr wird zu betonen sein, daß der aus geheiligtem Gcmüthe kommende Drang'geistiges Leben zu pflegen und zu bilden, dem in allem auch das äußere BedürfnisWahl der Wege und Mittel mit bestimmte, bei ihm die leitende Macht gewesen sei.
Wie gewaltig in weiten Kreisen die von Halle ausgehende Bewegung wirkte, dastritt äußerlich zunächst in dem Umstande hervor, daß in keiner Periode weder vor- nochnachher die Gründung zahlreicherer Waisenhäuser erlebt worden ist, als in der erstenHälfte deS 18. Jahrhunderts. Wir müßten durch hundert Städte wandern, wolltenwir auch nur eine einigermaßen vollständige Aufzählung der in jener Zeit gegründetenAnstalten versuchen. Durch alle die nach dem großen Vorbilde mehr oder wenigerstreng eingerichteten Anstalten gieng jener Geist, der mit Francke bekannte, daß einQuentchen lebendigen Glaubens höher zu schätzen sei, als ein Ccntner bloßen histo-rischen Wissens, und ein Tröpflcin wahrer Liebe höher als ein Meer der Wissenschaftaller Geheimnisse. Daher wurde nun auch der Religionsunterricht als Fundamentdes gesammten Unterrichts angesehen, und mit Frehlinghausens „Grundlegung derTheologie" (1703) eröffnete sich eine lange Reihe von Lehrbüchern für diesen Unterricht;daneben aber wurde mit höchstem Ernste durch Andachtsübungen, Predigten und Pa-ränesen dafür gesorgt, daß die Zöglinge in allen Dingen Gott vor Augen und imHerzen hätten. Im ganzen war freilich der Unterricht in den meisten Waisenhäusernviel dürftiger als an den Hallischen Änstalten; aber die pädagogischen Grundsätze,welche in diesen Geltung gewonnen hatten, erlangten doch weithin Anerkennung, undwo mit der Waisenpflege ein höher führender Unterricht sich verband, wandte man auck,so gut es gieng, die Franckesche Pädagogik an: man trennte die Schüler nach dc»Ständen, aus denen sie hervorgegangen waren, man zog nach Verschiedenheit derBildungszwecke auch verschiedene Bildungsmittel heran, man regelte bis in das Ein-zelne Lehrplan und Methode oc. Allmählich drang freilich auch jenes peinliche undkrankhafte Wesen, das in den Franckeschen Stiftungen zur Herrschaft kam, in die vondort aus bestimmten Waisenhäuser ein.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ermattete der Eifer für Gründungvon Waisenhäusern rasch, und während doch hier und da, besonders nach den Ver-wüstungen des siebenjährigen Krieges, neue entstanden, begann man auch schon an Aus-hebung älterer zu denken. Eine eigenthümliche Bedeutung gewann das Waisenhaus zuBunzlau in Schlesien, welches der Maurermeister Gottfried Zahn 1754 mit Genehmi-gung des Königs Friedrich II., aber mit sehr beschränkten Mitteln ins Leben rief undnach Zahns frühem Tode in gefährlicher Kriegszcit (1758) erst der Prediger ErnstGottlieb Woltersdorf (—1761), dann dessen Bruder Christian Ludwig W. (—1801)»«leitete. Da dasselbe von vorn herein nicht allein eigentlichen Waisenkindern, sonder»auch anderer armen Jugend aufhelfen, überhaupt auf die Verbesserung des SchulwesensBedacht nehmen und deshalb womöglich Präparandeu zu Schullehrern heranbilde» i