Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
132
Einzelbild herunterladen
 

132

Muttersprache.

Nachahmung.

Selbst das geläufige Sprechen einer neuern Sprache möchten wir nicht als eine Ggemeine Forderung anerkennen. Wenn inan genau zusteht, so wird man finden, daßes immer verhältnismäßig nur wenige sind, welche dazu gelangen, wie nur wenige stder That es wirklich brauchen.

Wer aber eine fremde Sprache ohne Noth spricht," sagt der derbe Hippel stden Lebensläufen in aufsteigender Linie,der ist ein Schwachkopf, oder cs fehlt ihmirgendwo, sitze bas Hebel wo cs wolle. Man muß nur Eine Sprache vollkomme«besitzen, um seines Herzens Meinung zu sagen. Ein Gott, Eine Taufe, Eine Sowie,Ein Weib, Eine Sprache: die Muttersprache."

Literatur: Waiz, allgemeine Pädagogik Z. 18. S. 377 ff. Baur, Enziehungslehre S. 189. Palmer, evangelische Pädagogik, 3. Aufl. S. 343.-K. L. Roth, kleine Schriften pädagogischen und biographischen Inhalts. II. B»iid.Stuttgart 1857. K. E. P. Wackernagcl, Deutsches Lesebuch, IV. TU.Stuttgart 1843. Beneke, Erziehungs- und Nnterrichtslehre I, 36. II, §. M Wilhelm von Humboldts gesammelte Werke III. Band L>. 15 ff. Je««Paul, Lcvana §. 129.

N.

Nachahmung. Nachahmungstrieb. Daß dieser Trieb dem Menschen natnÄ !ist, muß zugestandc'n werden; nur kommt es darauf an, daß wir denselben eben «st-einen menschlichen, nicht als einen thicrischen bezeichnen; denn er hat einen höhere«Zweck, wie z. B. gerade die Sprache, seitdem es überhaupt eine ausgebildete Sprachegiebt, durch Nachahmung bedingt ist.

Was ruft denn überhaupt inr Kinde die Neigung hervor, etwas nachzuthun, Mases sieht oder hört? Zunächst vcrräth sich darin seine Aufmerksamkeit; sofort aber Wirtman auch in dieser Beziehung mehrere Entwicklungsperioden unterscheiden muhe«.In den ersten drei Jahren etwa wird die Nachahmung zu erklären sein aus dem Be- !dürfnis, das Dasein mit irgend etwas auszufüllen; eine Thätigkeit selbst zu erfinde« !vermag das Kind noch nicht, dafür ruft der Eindruck dessen, was es sieht und hört, sdurch seinen Reiz die Lust hervor, auch zu thun, was andere thun; seine Vorstelluiiz!hat dann einen Stoff gewonnen, dessen es dadurch immer neu sich bemächtigt, daß st lihn, soweit möglich, selbst reproducirt. Als solches Object steht ihm besonders Theißnähme erregend die Thierwelt gegenüber, deren Stimmen es nachahmt. Ebenso habe« !die Kinder in diesem Alter die Neigung, wenn sie singen hören, alsbald auch ihnStimme zu erheben. Die wichtigste Frucht dieser Thätigkeit des Nachahmungstriebist das Sprechen, worüber wir hier nur bemerken, daß das Kind 1) was es hön, jdeshalb nachspricht, weil es des Lautes und der damit sich verbindenden Vorstcllmzerst habhaft und sicher wird, indem es selbst ihn nachbildet, daher es vieles chicweiteren Zweck nachspricht, daß aber 2) noch ein anderes Motiv mitthätig ist, i«welchem sich der Verstand offenbart, nämlich die Warnehmung, daß das Aussprechc« !gewisser Wörter das Mittel ist, gewiße Zwecke zu erreichen. Oft freilich eignet sichein Kind auch später noch gehörte Wörter an, deren Sinn ihm unbekannt ist, die aberdurch ihren Klang und besonders durch eine gewiße Derbheit oder Energie einen Rmausüben, z. B. Kraftaüsdrücke, selbst Flüche u. dgl. Ein weiteres Moment, dassich noch in dieser Periode einstellt, und schon einen ethischen Werth hat, kommt damzu Tage, daß das. Kind, wenn es zumal mehrere Personen arbeiten sieht, Lus>empfindet, auch dergleichen zu thun; dem liegt unstreitig der Gemeinschaftstrieb z«Grunde.

Eine zweite Form, in der der Nachahmungstrieb sich wirksam erweist, und dicweit über jene erste Periode hinausreicht, ist das Spiel, insoweit es eben darin bestelldaß Thätigkeiten der Erwachsenen nachgebildet werden. Hier liegt das Vergnüg«darin, daß das Kind, weil es in der großen Welt noch nichts gilt, sich dafür ei«!kleine Welt schafft, in der es die ordnende und beherrschende Macht ist. Bei de«-