1198
Vorzügen.
rein dem Zufall überlassen bleiben, das Auge würde über Wichtiges Hinweggleiten und'''das Geschaute würde nur flüchtige Spuren hinterlassen, wollte der eigentliche Unterrichtnicht zn Hülfe kommen. Auffallend ist die Erscheinung, daß lange Zeit für manch/Unterrichtsgegenstände der Unterricht nur in Vorzeigen und Vormachen bestand und deserklärenden Wortes entbehrte, während andererseits in manchen Gegenständen nur diemittheilende (dogmatische) Lehrform gebraucht wurde, ohne jene Hülfeleistung in An-!Wendung zu bringen; so daß es epochemachend war, als von den namhaftesten Päda-gogen, von Baco und Comenius (orbio pletus) bis Pestalozzi (Anschauungsunterricht)^auf Beseitigung solcher Uebelstände gedrungen und das Bessere an die Stelle gesetztwurde. Es ist noch gar nicht lange her, daß naturwissenschaftlicher Unterricht ohne alleAnschauringsmittel selbst in höheren Schulen betrieben wurde, und es dürfte auch jetztnoch nicht zu den Unmöglichkeiten gehören, daß Zoologie, Botanik und wohl auchGeographie nur nach einem Leitfaden gelehrt wird; gerade so wie andererseits der.Zeichenunterricht oft nur darin besteht, daß man Vorlagen copiren läßt: oder manbedient sich der Anschauungsmittel so, daß der Vortheil mindestens zweifelhaft bleibt. .Es sind demnach gewiße Bedingungen erforderlich, die bei dieser unter Umständen kür- 'zesten, einfachsten und sichersten Art, den Unterricht zu unterstützen, erfüllt werdenmüßen.
Die erste Bedingung ist, daß das, was vorgezeigt wird, möglichst vollkommen sei.Die Pflanze, das Thier, welches vorgelegt wird, muß alle wesentlichen Merkmaleinsicher erkennbarer Weise an sich tragen, die Abbildungen dürfen keine Carricaturensein, die Karten müßen ein deutliches Bild von dem betreffenden Erdraume geben,u. s. f. Ob es immer nothwendig ist, vollständig ausgeführte Abbildungen vorzuzeigen/oder ob es nicht geradezu zweckdienlicher erscheint, sich einfacher Skizzen zu bedienen,jdiese Frage dürfte zu Gunsten der letzteren Ansicht, wenigstens für höhere Stufen dessUnterrichts, zu entscheiden sein, da die Skizze die Phantasie mehr übt und das Cha-'rakteristische des Gegenstandes dabei mehr hervortritt. Daher auch Apparate um somehr den Vorzug verdienen, je einfacher sie construirt sind. Zuweilen ist es noch-,wcndig, Gegenstand oder Modell und Skizze zugleich zu verwenden, namentlich um 'die in jenen verborgen liegenden Theile zu veranschaulichen. — Welcher Art das Vor-°bild nun immer sein möge, immer wird es der bloßen Theorie weit voranzustellen sein,;und es kann weder in noch außer der Schule entbehrt werden. Haben doch selbstgroße Geister der Vorbilder bedurft, um an ihnen sich heranzubilden. Wir erinnernnur an Göthe (vgl. Riemer, Mittheilungen über Göthe. I. 195 ff.). Wie viel mehrtbedürfen der Vorbilder, der Anschauung diejenigen, die so eminenter Gaben sich nichterfreuen.
Nicht minder wichtig ist die Forderung, daß das Vorgezeigte genau und bis ineinzelnen Theile angeschaut werde, da sonst die Betrachtung des Gegenstandes in derSeele nur ein verschwommenes Bild erzeugt. Andrerseits sollte aber auch der ersteseinfache Eindruck, das frische Genießen des Ganzen nicht durch unzeitiges und ge-waltsames Analhsiren, Zersplittern und Zerreißen gestört, das erste, absichtslose Aus-fassen nicht sofort durch ein nüchternes und erkältendes Verstandesabrichten vernichtetwerden. Es ist gewiß das Empfangen des Gcsammteindrncks einer Blume eine derpoetischen Seiten des Unterrichts, durch welche der Schönheitssinn gepflegt werdensollte, anstatt daß man sie gleich analhsiren und zerrupfen, Staubgefäße und Griffelszählen läßt und auf diesem destructiven Wege den Begriff der Spccies kennen lehrenwill, bevor die Knaben sich das Gesammtbild eingeprägt haben. Hcck man den vollenreichen Genuß gehabt, dann wird man gern sich der Arbeit unterziehen, dem Einzelnennachzugehen, um für das Ganze dann ein erhöhtes Interesse zu gewinnen (vgl. Raumer,Gesch. d. Pädag. III. S. 139 ff.). — Dort wo mit dem rcceptivcn Betrachten dieproductive Fertigkeit, die Gegenstände darzustellen, sich verbinden läßt, wo ein „Vor-xbilden" möglich oder nothwendig ist, wird man mit den einzelnen Thcilen zu beginnenund allmählich das Ganze aus ihnen znsammenzusetzen haben. Es verdient dies Ver-machen unstreitig den Vorzug vor dem Verlegen fertiger Anschauungen. Vorschreibenist besser als Vorschriften; Vorsingen und Vorspielen giebt dem Schüler erst die rich-tige Anschauung davon, wie die Noten lebendig werden; den Geist hinein z» legenlernt der Schüler erst durch des Meisters eigenes Spielen und Singen; Jnsecten und