Vorurtheile.
Vorzeigen.
1197
„»sehen, dem eigenen Volk niemals eine Schmeichelei zu sagen, niemals durch PhrasenMd Schlagwörter das Urtheil des Volks irre zu leiten und sein Willens- und Gemüths-M in Unordnung zu bringen. — Politische Zu- oder Abneigung, politischer Fanatis-W>s leben wesentlich in und von Vorurtheilen, und es sind die Grundstimmungen,Me diese erzeugen und die Vernunft so blind machen, daß sic morgen vergißt, wiesie heute gedacht. Wie wenig vermag da Wort gegen Wort, Meinung gegen MeinungMszurichten, wo der Jrrthum auf der Peripherie nur die nothwendige Folge der Ver-kehrtheit im Centrum ist und welch ein Licht kann von der Betrachtung aller der«nnigfaltigen Formen von falschen Vorurtheilen auf die Lehre der Schrift von derWhwcndigkeit einer Wiedergeburt, einer Umkehr im Centrum des Lebens und DenkensMn! — Volk gegen Volk, Confesfion gegen Confesston haben ihre Vorurtheile, die,»s Grundstimmungen entstanden, durch die Erfahrung verschärft oder auch berichtigtmd gemildert werden können. Ein wesentlicher Theil der Gesittung ist es, durch dieVorurtheile hindurch zu einem gerechten Verständnis fremder Art zu dringen, undals Pflicht des gebildeten Menschen muß es gelten, daß er jedenfalls im Verkehrmt den Einzelnen den Menschen anerkennt, den Kern achtet, auch wo ihm dieSchale nicht zusagt. Will aber, wer sich und seine Art für besser hält, den andernüberzeugen, so gelingt cs kaum je durch Disputiren, sondern durch Lwlbstdarstellung.Je mehr Verkehr zwischen Völkern und Bekenntnissen, desto heilsamer wirken auf gegen-seitiges Verstehen und Geltenlasscn gerade diejenigen, welche ihre eigene Art so reinals möglich zu entwickeln trachten und der fremden Art einen christlich-humanen Sinneatgegenbringen. Vergebens aber würde man die Gegensätze aus der Welt zu schaffenjachen, indem man — angeblich kosmopolitisch — die geschichtlichen Unterschiedemunschte.
Zum Schluß die Frage: giebt es nicht auch eine Gattung von Vorurtheilen,welche statt zu beseitigen vielmehr zu pflanzen wären? In einem gewißen, obzwar vomSprachgebrauch abweichenden Sinne kann man die Frage bejahen. Das Kind, derSchüler, der Zögling bedürfen der Auctorität, um zu lernen und zu wachsen; ehe sieselbst zu reifem Urthcile befähigt sind, mäßen sie vertrauend annehmcn, was manihnen sagt, den Erziehern und Lehrern Recht geben. Man kann dies auch Vorurtheilemimen, sofern sie auf Meinung und Stimmung, welche der Prüfung vorausgehen,beruhen. Ohne sie wäre in der Kinderwelt keine Ordnung noch Gedeihen. Sieht«n aber näher hin, so lebt auch das staatliche und kirchliche Gemeinwesen zu nichtzeringem Theil von solchen Vorurtheilen, d. h. von dem den Obrigkeiten und Hirtenckgegenkommenden Vertrauen, und überhaupt ist sehr die Frage, ob diejenigen, welchesich in allen Dingen für die Voraussetzungslosen ausgeben, sich nicht überschätzen. DieAufgabe ist nur, so zu walten in Haus, Schule, Staat und Kirche, daß das erwachende»riheil der Vernunft die Voraussetzungen des Gemüths und der L>timmung bestätigen kann.
Borzeigen, vormachen, vorsprechen betrachtet man gewöhnlich als eine be-hendere Unterrichtsform, die vorbildliche (deiktische), im Grunde sind es aber nurHülssmittel, deren sich der Unterricht zur deutlicheren Erkenntnis des Untcrrichtsobjcctesbidient. Sie können schon darum nicht als eine eigene Lehrart gelten, weil der Un-dicht ohne das belehrende Wort kaum zu einer klaren Auffassung führen, das ab->«htliche Einwirken aus den zu Unterrichtenden größtentheils verloren gehen würde undbas Lernen zu einer bloßen Nachahmung herabsänke. Gleichwohl ist nicht zu leugnen,bas, da der Nachahmungstrieb sich an die verschiedensten Anschauungen heftet, Kinder"ad Erwachsene durch Absehen vieles erlernen, aber freilich ohne Wahl, Genauigkeit"ad Ordnung; daß ferner das Vorzcigen und Vorbilder» für manche Unterrichtsstufe""d für eine Reihe von Unterrichtsgegcnständen nicht entbehrt werden können. Dieaassührlichste Beschreibung eines Naturgegenstandes würde lange nicht das VerständnisUmführen, wie das Vorzeigen desselben in Wirklichkeit oder im Bilde. Die Er-»aning des verschiedenen Sonnenstandes wird ungemein abgekürzt, wenn man einMM, und wenn auch das einfachste, zu Hülfe nimmt. Schreiben und Zeichnenwren geradezu unmöglich ohne Vorbilder; ohne Vorsprechen würde auf der untersten«use der Unterricht wesentlich erschwert; daher denn auch diese Unterstützungsmittel!" einer klaren und dauernden Vorstellung auch außer der Schule seit alter Zeit all-Mem im Gebrauch gewesen sind. Aber es würde die Aneignung der Anschauungen