1078
Unterricht.
kann aus die Frage geratheu, warum der Sprachgebrauch zwar das Wort Lebrernicht aber das Wort Unterrichte:' kenne. Es ist dies wohl daraus zu erklärenUnterrichten immer so zu sagen das Kleingeschäft, die Einzelarbeit bezeichnet, Lebwiaber sein Ganzes, Zusammenhängendes ausdrückt, also eben dem Beruf seinen' Namenzu geben sich eignet. Vielleicht hat es noch einen tieferen Grund darin, daß wir mitUnterrichten die Vorstellung einer Arbeit, einer Mühe verbinden, das Lehren aber die-selbe Thätigkeit mehr als geistiges Produciren, also in idealem Lichte vorstellt' daberlhaben Mann und Ämt den Namen eben von der höheren Anschauung seines ThunsDie nächste Frage für uns ist diese: wann soll der Unterricht beginnen? init!welcher theilweise sich auch die Frage schon beantwortet: wer soll unterrichten? Wein,wir jeden Gewinn eines Wissens, der dem Menschen zutheil wird, ein UnterriLtci-werden nennen müßen, so genießt das Kind Unterricht von dem Moment an und an!jedem Orte, wo es irgend ein Object unterscheiden und benennen lernt — ein Unter-richt, den Pestalozzi im Buch der Mütter zu methodisiren unternommen hat. Bereichert!sich das Leben im Haus und im Wohnort, schreitet die Cultur, in deren Mitte dasKind lebt, fort, so wird auch jener primitive Unterricht ein mannigfacherer. Daß diese!Art von Unterricht aller Ordnung entbehrt und rein von zufälligen Dingen abhängi,woran eben Pestalozzi Anstoß nahm, das ist gar kein Fehler; was dem Kinde nockisnickt homogen ist, das geht auch spurlos, somit ohne es zu verwirren, an ihm vorüberund daß seine Vorstellungen noch als buntes Allerlei neben einander exisiire», dassbringt reicht den geringsten Nachtheil. — Irr anderer Weise als Pestalozzi, Hai den-,selben Gedanken bekanntlich Fröbcl zu realisiren unternommen; wir haben auch hierüberan diesem Ort nicht weiter zu reden, und begnügen uns, eine Aeußerung von KarlGutzkow anznführen, der (Augsb. Allg. Zeitung vom 31. Aug. 1852) in Bezug aufdie Kindergärten nachdrücklich davor warnt, „das Kindcrgcmüth aus seiner stillen Poesiejfrüher anfzuschrecken, als es ohnehin das Leberr thne." — Mathematik freilich und sojnoch vieles andere lehrt das Leben nicht; und so kommt eine Zeit, wo der förmliche,zusammenhängende Unterricht beginnen muß, der das Kind gerade vom Lebe» eineWeile isolirt, der es nöthigt, seine Gedanken ans Gegenstände zu richten, die ihm dasLeben nicht cntgegcngebracht hätte. Daß nun die Eltern auch diesen Theil der Erzieh-!ung übernähmen, wäre das an sich Natürliche; allein im großen und ganzen wird dies,sobald die primitiven Kulturstufen überschritten sind, zur Unmöglichkeit, erstlich weil!der Unterricht weit mehr Zeit in Anspruch nehmen muß, als die weitaus größte Zahl!der Väter und Mütter hicfür erübrigen kann; und zweitens weil sich mit dem Fort-sckreiten der allgemeinen Bildung die Masse des Wissens dergestalt vermehrt, daß, wer lneben dem Unterrichten einen anderen Lebensberuf zu erfüllen hat, dieselbe nicht mehrin dem Umfang und der Freiheit bewältigen kann, wie es nothwerrdig ist, um jenes.Wissen irrr geordneter: Zusammenhang andern mitzutheilen. Findet dies immerhin aus!die Elementarkenntnisse und Fertigkeiten keine Anwendung, so fordert doch eben jenequantitative Vermehrung der Wissensstoffe, daß dieses Elementare so rasch als möglickangeeignet werde, also daß auch in diesem Gebiet die Methode eine immer praktischerewerde, und dies beruht selbst wieder auf didaktischer Kenntnis und Erfahrung, d. h. es wirddas Unterrichten zu einer Kunst; und wenn wir vorläufig dasjenige eine Kunst nennen,was nicht jeder kann, so folgt schon hieraus, daß daS Unterrichten Sache eines spcciellcnBerufes, des Lehrberufs werden muß.
Die Frage: in waS soll unterrichtet werden? ist durch das oben Gesagte vorerstin ganz universalem Sinn beantwortet; hat der Unterricht die Wahrheit zum Gegen-,stand, so ist von ihm absolut nichts, was Wahrheit ist, ausgeschlossen; und man kannvon einer gebildeten Nation in der That dies als ein Merkmal airgeben, daß in ihrerMitte Unterricht in allem zu erhalten ist. Allein es kann weder der Willkür desLehrers, noch dem Belieben des Schülers überlassen bleiben, worin dieser von jenemunterrichtet werden soll; vielmehr hat es die Didaktik als Wissenschaft von jeher alsihre Aufgabe angesehen, auch in diesem Punct auf Principien zurückzugehen. Stoyhat in seiner Encykl. der Päd. 1861 S. 61 das Gebiet des gestammten Unterricktsin folgender Weise begrenzt: „Nur was zur theoretischen, ethischen, religiösen Bildungeinen Beitrag giebt, darf Gegenstand des Unterrichts werden." Aber eS wird schwer!zu bestimmen sein, welche Gegenstände von der Art seien, oder ob es überhaupt solche