Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
1075
Einzelbild herunterladen
 

Nngcrathcne Kinder.

1075

M drohender Verwahrlosung zu reichen hätte? Daß sich schon da und dort Rettungs-tiMr höherer Ordnung aufgethan haben zur Aufnahme von Knaben und JünglingenB reichen und vornehmen Familien, bezeugt, daß man auch da, wo alle Mittel einer,ckn Erziehung zu Gebote stünden, vor dem Misrathen der Kinder nicht gesichert ist.sei Gegcniheil, was dort Armut und Mangel verderbt, das wird hier oft geradetercki Reichthnm und Nebenfluß geschädigt. Es werden wenige PrivaterziehungsanstaltenW denen nicht schon die Aufgabe gestellt worden wäre, misrathene Sohne aus höherenWilden noch zurecht zu bringen.

Doch wie? wenn alle Für- und Vorsorge vergeblich war, wenn die Sorgenkinderä» Einflüssen der elterlichen und Schulerziehung entwachsen sind, wenn der verloreneden Bruch mit Eltern und Hans, mit Sitte und Ordnung, vielleicht mit Kirche«d Staat vollzogen hat? Das Gesetz im Volke Israel machte es da (5 Mos. 21,IS 21) kurz. Wurden die Eltern mit dem Sohne nicht mehr fertig, so sollten ihndie Leute steinigen, daß er sterbe. Wir sind nun eines andern Geistes Kinder.Lahre christliche Elternliebe läßt nicht ab, das verlorene Kind zu suchen, wenigstensHerzen und mit dem Gebete, und, wo es noch erreichbar ist, auch in Worten.»> Mcht jeder Vater freilich ist mit der inneren Mächtigkeit ausgerüstet, mit der sich^ piierzeit Johann Heermann, der bekannte christliche Liederdichter, an seinem in die Netzeder Jesuiten gerathenen Sohne legitimirt und denselben zurechtgebracht hat; aber 'nnhre Liebe wird doch immer das rechte Wort finden, um dem auf den Irrweg ge-mhenen Kinde einen tiefen Eindruck zu geben und wird inr Suchen des Verlorenen»I klarren, selbst wenn alles vergebens zu sein scheint. Wo aber dennoch die Stimme desfsimmers, der Warnung, der Bitte vergeblich bleibt, oder wo im Gcgentheil das un-8 zmthene Kind oft von Jugend auf keine wahre elterliche Liebe genossen hat, da mußkenn wohl das Leben mit seiner oft rauhen Wirklichkeit den verlorenen Sohn, diel mirrte Tochter in seine ernste Zucht und Lehre nehmen; oder öffnet ihnen die welt-kv licheLbrigkeit die Thüre des Gefängnisses, des Arbeits- und Zuchthauses.

» «Hier mag vielleicht manchem das Gewissen aufwachen und ihm sagen: das hast du anI I Wer und Mutter, an deinem Lehrer oder Seelsorger verschuldet! Hier tritt jedenfalls' m dm christlichen L-taat die hochwichtige Aufgabe heran, mit der Sühne des Rechtszugleich den Zweck der Besserung und bürgerlichen Rehabilitirung zu verbinden. Indesdiesen Gegenstand weiter zu verfolgen ist hier nicht der Ort. Näher liegt uns nochein Wort über die Behandlung der Ungerathenen, die schon innerhalb der Erziehuugs-jahre als Verbrecher dem Gesetze des Staats verfallen sind. Wir meinen die jugend-lichen Verbrecher.

Mit Recht sagt der Engländer Mayhew:Wie schlechte Luft und Rinnsteine undhule Pfützen ansteckende Krankheiten erzeugen, so liegt auch in unseren socialen Ver-hältnissen eine Kraft moralischer Pcsterzeugung und Verbrechernahruug." In den Ver-irecherregionen, wie sie große Städte bieten, finden sich die ungerathenen von Gott»ud Kirche und Obrigkeit sich emancipirenden Kinder zusammen, von Geschlecht zuGeschlecht sich fortzeugend; sie organisiren sich mehr und mehr nach den wahrheitschil-lmidm, aber im Grunde aller Wahrheit Hohn sprechenden Theorieen des Communis-ms in immer weiter sich ausbreitenden Verbindungen, welche die ganze Erde zu um-Punen suchen, und haben bereits mit Recht die ernste Aufmerksamkeit der Regierungen»e aller Freunde der Ordnung auf sich gezogen. Hier liegt für Staat und Kircheme Aufgabe von riesiger Wucht und Ausdehnung vor. Der Staat wird sie auch«t den zweckmäßigsten Gesetzen allein nicht zu lösen vermögen; cs fehlen ihm zurBehandlung der ins innerste Leben reichenden Dinge meistens schon die geeignetenWerkzeuge, wenn er auch das Verständnis von dem tieferen Grunde des in widergesetz-lichen Werken heraustretcnden Verderbens hätte. Hier muß die Kirche mit ihrenfreiwilligen, das Christenthum als Religion wie der Wahrheit so der Liebe mit ein-ten, muß mit Wort und That und Gebet die misrathcnen Kinder zurück in das ver-lassene, verachtete, gelästerte und doch am Ende schmerzlich vermißte Vaterhaus zurnsen suchen. Was dasRauhe Haus" zur Ausbildung von jungen Männern für« Dienst der rettenden Liebe in und außer den Gefängnissen gethan hat, ist bekannt,-mch in anderen Ländern regte sich schon das Bemühen, die ungelenke Hand der bloßen^lrafgerechtigkeit durch den Dienst persönlich dienender Liebe zu ergänzen. Von be-