Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
1064
Einzelbild herunterladen
 

1064

Nmibhängigkcitstricb.

Unachtsamkeit.

geht hervor, daß der Unabhängigkeitstrieb nicht nur nicht unterdrückt, sondernwo er fehlt, hervorgerufen, wo er zu schwach ist, gestärkt werden muß. Aber wie i,dieser Zweck pädagogisch zu erreichen, wenn doch anerkanntermaßen Gehorsam die mund fundamentale Kindestugend ist?

Das ist derselbe gewiß; aber es folgt daraus nicht, daß das Kind gar nicktwollen und thun dürfe, das ihm nicht befohlen wäre. Vielmehr liegt neben alle de,was es aus Gehorsam zu thuu oder zu unterlassen hat, schon im zarten Alter cmGebiet für freie Bewegung, das aus dem Grund von ungemeiner Bedeutung istsich eben auf diesem Gebiete des Kindes eigene Natur uud Kraft, der Zug' 1 ^Seele dem Erzieher offenbart. In dem bezeichnet«:» Alter wird die Thätigkeit, siedem Kinde freigclassen werden muß, das Spiel (s. d. Art.) sein; und so ergiebigals erste Regel diese: das spielende Kind nicht weiter zu beschränken, als nothwendiist, um es entweder vor Schaden zu bewahren oder Unfug abzuschneiden oder auweiterhin die Zeit zum Lernen und Arbeiten nicht zu beeinträchtigen. In späterer Zeiswird sich das der Freiheit einzuräumende Gebiet auf freiwillige Arbeiten, Liebhabmilund Nebcnstudien ausdehncn, für die wieder nur die Rücksicht auf das Nothweiidiin Bezug auf Sittlichkeit, Haus- und Schulordnung, sowie auf Abwehr aller Zer-streuung und Zersplitterung die Schranke bildet. Aber auch die obligaten Studier'und Arbeiten lassen der Unabhängigkeit noch einigen Raum, den der Erzieher frei;,,geben wohl thut. Wenn der Zögling seine Aufgaben nur immer rechtzeitig und naKbestem Vermögen fertig hat, so kann ihm ganz wohl innerhalb gewißcr Schranke'überlassen werden, wie er dieselben eintheilen will; er soll lernen, auch das Geboten,mit Freiheit ins Werk zu setzen. Sofort werden auch Ausflüge und Ferienreise.unter die Kategorie solcher Unternehmungen sich stellen, durch die der Unabhängigkeittrieb sowohl befriedigt als wach gerufen und ausgebildet wird. Endlich nennen wirin dieser Reihe die Berufswahl (s. d. Art.). Bei alle den: wird die Erziehungsrcgehdahin lauten, daß dem eignen Willen nur insoweit Schranken gesetzt werden sollen^als nöthig ist, damit nicht höhere Lebenszwecke gefährdet sind, alle Beschränkung abeÄwegfallen muß, die den Schein der Willkür, der Pedanterie, der Laune oder des Eigensinns an sich trägt; oder positiv ausgedrückt, daß dem Jüngling so viel Unabhängigkeitzugestanden werden muß, als es ein wirklicher Wille, eine vernünftige Zwccksehnng ishwovon getrieben er unabhängig handeln zu können wünscht.

Diesem Spielraum der Freiheit steht nun aber das Gebiet des Gehorsams nichiäußerlich und gegensätzlich gegenüber, als wäre Gehorsam eben die Negation der Un-abhängigkeit, und Unabhängigkeit die Negation des Gehorsams.Der wahre Geho"sam," sagt K. L. Roth, Kl. päd. Schriften I, S. 139,macht den Geist erst freierst da fängt der Mensch an, seinen eigenen Willen und eigene Ueberlegung zu l 'wo er das, was man sonst den Willen nennt, unter ein höheres Gesetz gestellt, diesesGesetz in sich ausgenommen hat." Unabhängigkeit von allen äußeren Einflüssen istnur dann möglich und nur dann etwas Werth, wenn man zu allererst unabhängig istvom eignen Gelüste; und beiderlei Unabhängigkeit kommt nur zu Stande und wirdnur behauptet, wenn man schlechthin abhängig geworden ist von Gott; zu dieser Abshängigkeit aber ist der Gehorsam des Kindes die nothwendige Vorübung. Wohl wirdes im einzelnen oft nicht leicht sein, diese ideale Einheit von Gehorsam und Unab^hängigkeit auch praktisch herzustellen und den Punct, wo beides zusammenkifft, alsoauch beides sich scheidet, genau zu fixircn; aber wenn es manchen Zöglingen gegenüberim Zweifelsfall immerhin das Sicherere sein mag, den Unabhängigkeitstrieb lieber zst,viel als zu wenig zu dämpfen: so ist ängstlichen Erziehern doch immer auch das WerHerbarts in Erinnerung zu bringen:Knaben und Jünglinge müßen gewagt werdenum Männer zu werden;" vgl. C. Kühner, Pädagogische Zcitfragcn, Frankfurt a.N1863. S. 5477.

Unachtsamkeit: eine ebenso häufige, als dem Lehrer unbequeme Untugend derKinder. Sie ist eine Zwillingsschwester der Unaufmerksamkeit, und doch nicht gmdieselbe. Ein Kind ist achtsam, wenn es überhaupt seine Gedanken aus der Zerstrcuung sammelt, aufmerksam, wenn es sie auf den mit ihm zu behandelndeGegenstand richtet in der Absicht, ihn zu merken. Ein aufmerksames Kind ist mthwendig auch achtsam, während daS achtsame nicht nothwendig auch schon aufmerkstm