Turnen.
1055
Dadurch, daß Spieß nun beim Turnunterrichte auch die jüngeren Altersstufen beikite» Geschlechtern in's Auge zu fassen hatte, kam er bald zu der Ueberzeugung, daßKm die bis dahin befolgte Jahn-Eiselen'sche „deutsche Turnkunst" nicht mehr genügenlwntc, weil dieses Werk vorwiegend eine zu künstliche Aufstellung von TurnübungenM ungewöhnlichen Hang- und Stützflächen bot, während er für seine nächsten Zwecketu einfachen und natürlichen Hebungen in den gewöhnlichen Zuständen des StehensGehens brauchte nach dem Grundsätze Pestalozzi's, wonach der Anfangspunct allerlerperlichen Ausbildung in den natürlichen Anlagen des menschlichen Organismus selbstN jucken sei.
' So gelangte Spieß zur Bearbeitung seines ersten Werkes: „Das Turnen in denzmübungen für beide Geschlechter. Basel, Schweighauser 1840," welches den erstenM und überhaupt das Fundament seiner „Lehre der Turnkunst" bildete. Mit diesenzmübungen sollten die Turner in den natürlichen Zuständen gleichmäßig ausgebildet«de», um zu einem höheren Grade freier Beherrschung des Leibes und zu kunstvollerMicher Geberdung zu gelangen. Durch dieses einfache, vielseitige und sinnvollerysmn der Leibesübung gab Spieß der Turnkunst erst den kunstmäßigen Charakter.Ta er es bei seinem Turnunterricht mit größeren Turnclassen zu thun hatte, so wurdeu bei Behandlung der Freiübungen sehr bald auf solche turnerische Hebungen hinge-Mjm, welche das Verhalten des Einzelnen zum Gesammten bestimmen, damit er beistier Aufstellungs- und Bewegungsweise mit der Genossenschaft die mannigfachstenwd schnell wechselnden Veränderungen vorzunehmen lernt. Diese systematische Bewe-znz der geordneten Massen standen mit den Freiübungen in engster Verbindung, undtii mssenschaftliche Bearbeitung dieser „Ordnungsübungen" unternahm Spieß imj. Theile seiner Turnlehre unter dein Titel: „Das Turnen in den Gemeinübungenin einer Lehre von den Ordnungsverhältnissen bei den Gliederungen einer Mehrzahl.Asel, 1846."
Mit diesen beiden neuen Turnarten wurde der Turnlehrer in den Stand gesetzt,M Turnschüler zu geordneter Aufstellung und Bethciligung an und von Ort, zujlkichmäßiger, taktgemäßer und rhythmischer Ausführung einfacher und zusammengesetzterPiigkeiten anzuhaltcn und so die gleichmäßige Erziehung der Jugend zu kunstgeübterks! und Anstelligkeit zu fördern. Solche turnerische Gemeinübungen ersetzen ihrerickischm Bedeutung und Bildungsfähigkeit nach dasjenige, was man hie und da durchWsichrung der militärischen Exercierübungen anstrebte.
Je turnfcrtiger der Einzelne in den freien natürlichen Zuständen auf ebenem Bodenmb, desto befähigter wird er durch die Frei- und Ordnungsübungen auch für die Hebungenin künstlichen Hang- und Stützflächen, wozu das deutsche Turnen in seinen Geräth-iimgen so reiche Gelegenheit bietet. Die Turnreformen Spießens bezogen sich zu-jlüch auch auf die Gerüstübungen, deren Ordnung und natürliche Folge er mit Be-zähme auf den menschlichen Organismus bestimmte, indem er die im Muskelsystemkzmden, einfachen Tätigkeiten des Beugens und Streckens der Glieder als Ord-mzSgrund annahm und darnach seine Turnlehre durch 2 Theile: „Das Turnen>«dm Hangübungen für beide Geschlechter. Basel, 1842" und „Das Turnen in denrikmmübungen. Basel, 1843" vervollständigte und abrundete. Dadurch brachte erich in diese Turnarten nach methodischen und systematischen Grundsätzen mehr Planmb rationelle Behandlung. Doch diese vierbändige „Turnlehre" hatte mehr ihre theo-Me Bedeutung; Spieß fand aber den Weg von der Theorie zur Praxis sehr bald«ich, daß er den geordneten Turnstoff unterrichtlich ausgestaltete und seine eigen-tliche Turmnethode nach all ihren Einzelnheiten den Turnlehrern vorlegte in dem
^Turnbuch für Schulen als Anleitung für den Turnunterricht durch die Lehrer«schulen. I. Theil: Hebungen für die Altersstufe v. 6.—10. Jahre. Basel, 1847.
.. H- . „ „ „ „ „ v. 10.-16. „ Basel, 1851."
-Ue hier gestellten Forderungen weichen von denen der Jahn'schen Schule wesent-ab. Turnhaus und Turnplatz sollen in nächster Nähe der Schule liegen; derumlmterricht soll sich den Schulstunden anschließen, ja sogar diesem voran gehen oder«Ichm ihnen liegen. Zunächst soll die Schulclasse auch die Turuclasse bilden, derenMng nicht durch Vorturner, sondern durch den Lehrer unmittelbar erfolgt. Nicht