Tcmpcramcilt.
1027
cder weniger schwankenden und willkürlichen Bilder der Teinperamentc, die dann auf
verschiedensten Wegen in die allgemeine Auffassung übergcgangcn sind. KnüpfteM„ dabei anfangs noch an die galcnische Gleichstellung der Safte mit den vier Ele-Mnien an: so mußte, sobald das galcnische System in der Medicin gestürzt war, derM,;en Lehre von den Temperamenten der Boden entzogen sein, und das Wort Tempera-UNl selbst sowie die Bezeichnungen der einzelnen Temperamente waren herrenlos ge-NNdc». Wenn sic nicht dasselbe Schicksal hatten, wie so viele längst vergessene Be--Mnungenaus untergcgangenen Wissenschaften, so kam cs nur daher, daß man sich längstzmöhnt hatte, bei den Namen der Temperamente nicht an jene Mischungen ans Blut,rchleim und Galle zu denken, sondern an die augenfälligsten Unterschiede in demkcrperlichen und geistigen Leben der Individuen, welche aus jener Theorie erklärt wor-den waren. Nichtsdestoweniger haftet der Terminologie der Charakter der Heimatlosig-keit bis auf den heutigen Tag an.
Zunächst blieb der eigentliche Sitz der Lehre in der Medicin, und wir sehendiese bestrebt, nach ihren jeweiligen Grundbegriffen für die als feststehend und gegeben«„genommenen Unterschiede andere und andere Grundlagen in der körperlichen Con-stitution zu suchen, wobei die heilige Vierzahl sich immer wieder ergeben .mußte. DenMitesten Einfluß gewann diejenige Deutung, welche von der Theorie ausgiena, daßZensibilität und Irritabilität die beiden Grundformen seien, in denen sich die Lebens-kraft äußere. Gleichmäßige Stärke oder Schwäche beider Richtungen, Ueberwiegenda einen oder der andern gab wieder vier körperliche Constitutionen, die mit den altenTmperamentsnamen belegt wurden. Und da der körperlichen Sensibilität die Empfäng-lichkeit der Seele für äußere Eindrücke, der Irritabilität ihre Reactionskraft im Han-deln zu entsprechen schien, so war^ von hier aus am leichtesten ein rationeller Ucber-gang zwischen körperlichen und geistigen Eigenschaften möglich; nnd so sehen wir ansdieser Grundlage wieder die Temperamentsschildcrungen üppig wuchern (z. B. Hein-rich, Anthropologie 1822 §. 75 ff.). — Allmählich brach sich aber die Einsicht Bahn,daß der durchgängige Zusammenhang geistiger Eigenthümlichkeiten mit bestimmten er-kennbaren Zügen körperlicher Constitution nicht stattfinde; und daß, wenn auch dieUnterschiede ans geistigem Gebiete eine organische Grundlage haben oder wenigstensM entsprechenden Unterschieden der Organisation begleitet seien, wir doch bei unsererUnkenntnis des Zusammenhangs zwischen organischem und geistigem Leben nicht imStande seien, jene organischen Grundlagen anzugeben. So schied sich also, zumalmit der lebhaften Entwicklung der Psychologie in der zweiten Hälfte des vorigenJahrhunderts, eine medicinische und eine psychologische Tcmpcramentslehre, und einIhkil der Psychologen, nnd unter ihnen gerade die bedeutendsten, ließen die mcdi-änischen Theorieen auf sich beruhen und versuchten die Unterschiede des Temperamentsa»f rein psychologischem Wege zu begründen. Dieser psychologischen Betrachtung aberpilte die wissenschaftliche Tradition erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Unter denMterschcidenden Zügen der Temperamente waren bisher solche anfgeführt worden, dieallen Gebieten deö Seelenlebens angchörten; und so sehen wir die Psychologen an-fangs unsicher, auf welches Gebiet des geistigen Lebens sie den Begriff des Tempera-mentes überhaupt beziehen, und welche Unterschiede sie als Temperameutsunterschiedebezeichnen wollten.
Einen bestimmteren Halt gewann die psychologische Temperamentslehre erst durchKant (Anthropologie 2. Ausl. S. 255). Er unterschied Temperamente desEesühls und Temperamente der Thätigkcit, und verband diese Eintheilungmit dem Gegensätze der Erregbarkeit nnd Abspannung der Lebenskraft.E« erhielt er ein Temperament, in dem die Empfindung schnell nnd stark afficirt>md, aber nicht tief eindringt, das sanguinische; ein zweites, in welchem die Empfin-W weniger auffallend ist, aber sich tief einwnrzelt, das melancholische. Das chole-slche Temperament als ein Temperament der Thätigkcit beschreibt Kant als hitzig;
Thätigkcit ist rasch, aber nicht anhaltend; während der Phlegmatiker nicht leichtM rasch , aber dafür anhaltend bewegt wird. Diese Kantischen Gesichtspunctem von jetzt an die vorherrschenden geblieben. — Ganz ähnlich wie Kant unter-Wdet z. B. Schlciermacher (Psychologie S. 301 ff.) die Temperamente ciner-Ms nach dem Ueberwiegen der Receptivität oder der Spontaneität, andrerseits