Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
998
Einzelbild herunterladen
 

998

Subjektivität.

zurück, so artet cS in das aus, was wir Sentimentalität genannt haben bricktes gegen die gerechten Ansprüche anderer und der Gesammtheit in selbstsüchtiger Rück-sichtslosigkeit hervor, so artet eS in Leidenschaftlichkeit aus. Es wird keinemErzieher an Gelegenheit fehlen, mit diesen beiden Ausartungen des Gesühlssubjectivis-mns Bekanntschaft zu machen. Weichere Naturen werden sich aus der Gemeinschaftder Mitschüler, durch welche sie in ihrem snbjectiven Gefühlsleben sich genirt fühlenzurückziehen; kräftigere werden diesen gegenüber ihr selbstsüchtiges Gelüste in leidemschaftlichcn Ausbrüchen geltend machen. So weit nicht bei den einen, wie bei den an-dern, schon durch die Gemeinsamkeit des Schullebens allmählich das Bewußtsein gewecktwird, daß sie nur zu ihrem eigenen Schaden in ihrer weichlichen Jsolirnng, oder inihrer rücksichtslosen «Selbstsucht verharren, hat der Erzieher in dem einen, wie in demandern Falle dafür zu sorgen, daß ein lebendiges Gemeingefühl den Kleinmuth undden Trotz des bloß snbjectiven Gefühls verdränge. Er hat das natürliche Gesetz derSelbstsucht unter das ethische Gesetz der Gemeinschaft zu beugen und mit der Kraßder Liebe, in welcher er selbst diesem Gesetze dient, es den Zöglingen aus einem äußere»Gesetz in ein Gesetz ihres eigenen Willens zu verwandeln. Erfolg werden solche Be-mühungen von Seiten des Erziehers freilich nur dann haben, wenn er selbst Begeiste-rung und Liebe für seinen Bereif genug hat, um unter den Beschwerden und Anstößendesselben vor MiSmnth und vor Ausbrüchen persönlicher Heftigkeit bewahrt zu bleiben,und wenn er seine Zöglinge in ihrem cigenthümlichen Wesen zee verstehen und sie diesemgemäß zu leiten sucht und dasjenige, was in ihrer Individualität der seinigen wenigerzusagt, darum nicht unterdrückt, sondern durch Hervorhebung des ergänzenden Gegen-satzes das Gleichgewicht herstellt. Am meisten unmittelbare Noth macht dem Er-zieher der als Eigensinn und als Wilkür sich äußernde Subjektivismus desWillens, weil dieser am meisten unmittelbar praktisch wird. Der Eigensinn isteben der auf seinem Vornehmen beharrende Wille des isolirten SnbjecteS, welches demGesetze der Gemeinschaft sich nicht fügen will. Und über diese Untugend haben freilichEltern weit mehr als Lehrer zu klagen. Denn in der Schule verliert ein eigensinnigesGebühren schon dadurch einen guten Theil seines Reizes, daß hier der Einzelne mehrals zu Hause unbeachtet bleibt; wagt es sich gleichwohl hervor, so findet es an denMitschülern seinen natürlichen Rückschlag; und der Geist der Gemeinschaft reißt denanfangs Widerwilligen am Ende von selbst mit sich fort. So kommt es, daß Kinder,welche von ihren Eltern der Schule unter der Anklage unverbesserlichen Eigensinnesübergeben werden, hier von dieser üblen Eigenschaft oft nicht das Geringste verspürenlassen; und wenn der Lehrer nur die Unterstützung, welche ihm das Schnllcbcn selbstdarbietet, gehörig zu benützen weiß, so wird ihm der Kampf gegen diesen Feind nichtsehr schwer werden. Dagegen wird er, und zwar besonders bei lebhaften Naturen,mit der Willkür ernstlicher und länger zu kämpfen haben. Die Willkür vergreistsich sowohl in der Wahl ihrer Ziele als in der Wahl der Wege, auf welchen sie ihreZiele verfolgt. Von der ersten Verirrung wird der Zögling dadurch befreit, daß ihmder Begriff der Pflicht zu wirksamem Bewußtsein gebracht wird, damit er nicht mehrthue, was er will, sondern was er soll oder besser gesagt: damit er sich gewöhne, nurdas zu wollen, was er soll. Aber was er will, das soll er auch auf die rechte Weisewollen. Es giebt Kinder, welche den guten Willen haben, ihre Pflicht zu thnn, abernicht wissen, wie sie eS anfangcn sollen, sondern willkürlich von einem zum andern ab-springen. Hier kommt cs darauf an, sie an jene Gewissenhaftigkeit, Ordnung undAusdauer zu gewöhnen, welche, augewendet auf die Berufsarbeit des Schülers, niihrem Zusammenwirken den Begriff des Fleißes constituiren.

Bei dem allem kann aber die Schule doch nicht alles allein thu». Vielmehr mußihr als eine zweite, auf die Subjektivität der Zöglinge cinwirkcnde reale pädagogischeKraft vor allem die Familie helfend zur Seite treten. Der ernste fromme Sinn,die unverbrüchliche Ordnung, die gute Zucht und Sitte des elterlichen Hauses und dieLiebe, mit welcher die Hausgenossen einander unterstützen und vertragen, müßen daSKind von Anfang an daran gewöhnen, sich als Glied einer Gemeinschaft zu fühlenund dem höhern Gesetzein Liebe, Zutrauen und Gehorsam" die Willkürlichkeltenseines Subjektivismus zu unterwerfen. Und wie die Schule die Aufgabe hat, ihreZöglinge zum Eintritte in die größeren Gemeinschaften der Kirche und des Staates