Schamhaftigkeit.
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Katechismus, in welchem bei Gelegenheit des 6. Gebots, wie im Bibeluntcrricht beiden betreffenden Stellen, die Unzucht, der Ehebruch als ein schreckliches Laster hin-aestellt, Keuschheit und Züchtigkeit empfohlen, aber das Nähere den Schülern zu ahnenoder zurrrathen selber überlassen wurde, die dann freilich auf andern Wegen großen-teils schon mehr davon wußten, als die Katecheten dachten. Nur in den Beichtstühlender Jesuiten wurde die Sache einläßlicher erörtert; aber diesen Explorationen wurdeja der Vorwurf gemacht, daß sie vornehmlich das unschuldige junge Blut vergiften.Erst der Philanthropismus hat den Erziehern die Pflicht anferlegt, das Kind positivzur Keuschheit anzuleitcn. Allein er hat die Keuschheit auf Kosten der Schamhaftig-keit zu sichern versucht. Lag es doch im Geiste der Zeit, auch solche sittlichen Be-griffe nicht mehr unbesehen beizubehalten, wie sie überliefert waren, sondern sie erstzu untersuchen, ob sie der Vernunft entsprechen. Da verfiel denn der hergebrachteBegriff der Schamhaftigkeit dem kritischen Raisonnement. Dieses gelangte zu derAnsicht, daß es in der That nur Unverstand sei, alles, was auf das GeschlechtslebenBezug hat, zu einem Gegenstände der Scham zu machen; daß nur die Priester mitihrer Theorie von der Erbsünde die Menschen zu der Unvernunft gebracht haben, sichbesten, was doch reine Natur sei, zu schämen. Die Philanthropen glaubten, geradedurch die Geheimthuerei mit den Geschlechtsverhältnissen werde die Unzucht befördert,während, wenn man offen von alle dem reden, den Kindern die Geschlechtsorganeanatomisch demonstriren und deren Functionen erklären würde, der stärkste Reiz vonselber anfhörte. Daß dies praktisch ein schwerer Jrrthum ist, hat man längst aner-kannt; wenn aber die Aufklärer, wie ihnen jedes Geheimnis schon als solches verhaßtwar, auch den über diese Dinge gebreiteten Schleier überhaupt lüften wollten (weil,mit Mephistopheles zu reden, es ein Unsinn und zugleich eine Heuchelei sei, vor keu-schen Ohren das nicht zu nennen, was keusche Herzen doch nicht entbehren können):so ist dabei der Kernpunct in roher Weise verkannt, daß der Schöpfer die Entstehungdes menschlichen Individuums mit bewundernswürdiger Weisheit eben darum, weildas Product ein Mensch ist, in ein Dunkel gehüllt hat, das nicht erhellt werden kannund soll; während, wenn die Decke der Scham weggenommen wäre, der ganze Proccß,Zeugung, Schwangerschaft und Geburt zu etwas absolut rohem, gemeinem, thierischemwürde. Demzufolge ist jene angestrebte Trennung der Schamhaftigkeit von der Keusch-heit ein Unding. — Ob es aber möglich sei, ein Kind in solcher Unschuld zu erhalten,die auf Unwissenheit beruhend zugleich eine instinctmäßige Abneigung gegen das Wissenüber diese Dinge in sich schließt, — das ist die zweite, schwierigere Frage. Das Leben
selber, in und außer dem Hause, bringt Anlässe genug, wodurch der Fürwitz nach
diesen Puncten gelenkt wird. Was im Hause der Art vorgeht, also namentlich eine
Geburt, kann Fragen Hervorrufen; auch ohne die Märchen vom Brunnen und vom
Storch wird sich ein gutcrzogenes Kind mit den Antworten begnügen, die man ihmgeben kann; wenn ihm diese einmal nicht mehr befriedigend erscheinen, wird es vonselber nicht inehr fragen. Aber auch sonst, im Gespräch, in Zeitungen werden Dingedieser Art berührt; wenn der Knabe die Geschichte von Romulus und Remus, vonder Lucretia u. s. s. in seiner Chrestomathie, die von Potiphars Frau, von Davidund Bathseba in seiner Bibel findet, so liegt die Möglichkeit sehr nahe, daß er sichGedanken darüber macht. Wir wollen nicht mit Campe darüber klagen, daß dieSchauspiele von schlüpfrigen Dingen strotzen (worunter das allerhäßlichste die BalleteMd); denn zu solchen Stücken wird ein vernünftiger Erzieher ein Kind gar nichtmitnehmen oder zulasten; ebenso sind Bildergallerien mit Nuditäten nicht für die Jugendgeöffnet. Selbst Bilderbibeln wird ein vorsichtiger Vater, bevor er sie kauft, daraufMjehen, ob sie nicht dergleichen etwas anstößiges enthalten. Aber niemand kann seinheranwachsendes Kind so auf Schritt und Tritt begleiten, daß er sicher wäre, es treffenirgends auf einen Anblick solcher Art; bringt das ländliche Leben solche Gefahrendurch die Roheit der Sitten, so bringt die Großstadt dieselben gerade durch ihre Cultur.treuer kann in der That kein Zweifel herrschen, daß, wenn der Staat, seines sitt-uchen Zweckes und Charakters sich entledigend, nicht die öffentliche Sitte init Strengeuugecht hält, die Erziehung des Hauses machtlos ist. — Zu all dem kommt aberu a ^Zeud einmal, vielleicht frühe, der Geschlechtstrieb erwacht, daß das Kind,uff der Heranwachsende Junge an sich selbst eine Entdeckung macht, die nicht nur zu