Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
615
Einzelbild herunterladen
 

Rousseau.

615

fnusc den Manu inacht, vielmehr erst von da an wird cs ihm innerlich möglich, denÜöalinq sich ermannen zu lassen, wo diesen der Fehltritt der Gattin ins Elend treibt.gM erst dürfen die Erziehungsmaximen ihre Wirkung zeigen, nachdem der ZöglingMeder in Situationen gebracht ist, welche dem Tugendpathos Raum lassen. Wirbitten den Leser, das Erziehungssystem Rousseaus darauf anzusehcn, ob es nicht inder That mehr als einen Ansatz dazu nimmt, den Zögling auf eine Bahn zu bringen,mif der er alsverwunschener Prinz" seine Rechnung eher findet, denn als thätigesMitqlied der Gesellschaft und als rechtschaffener Hausvater. Emil wird wieÄungener bemerkt Voltairs oto. II, S. 163 nicht für, sondern wider die Ge-sellschaft erzogen; so kann er denn auch innerhalb dieser Gesellschaft nicht sein ganzesLicht leuchten lassen, er muß unter die Barbaren, um dort für seine Fähigkeiten «spiel-rainn zu finden, und er bedarf der Sklavenkettcn, um zum vollen Bewußtsein seinerFreiheit zu gelangen. Motivirt ist dieses unzweifelhaft durch den ganzen Gang seinerErziehung; darum kann und wird Emil sich zusammennehmen, sobald er in diecusiprechende Lage sich versetzt findet. Aber eine andere Frage ist, ob und wie seinSich gehenlassen vor der Katastrophe sich erklären lasse, die sittliche Erschlaffungdes sx üxxotlwsi zu einer auf die herrschende Gemeinheit hoch herabsetzenden Tugend-begeisterung Angeleiteteu? Die Erklärung dazu liegt eben in dieser bloß allgemeinenBegeisterung selbst, in der damit zusammenhängenden Misachtung der Gesellschaft undin der Fernehaltung eines den Charakter festigenden Berufs innerhalb der Gesellschaft.Das Pathos der Tugend bedarf immerwiederkchrcnder außergewöhnlicher Reizmittel,es erlahmt unter dem ermüdenden Gleichmaß der Tage. Darum erscheint uns derSündenfall der beiden Gatten als psychologisch ganz motivirt, und daß sic dennochden Versuchungen des gewöhnlichen Gesellschaftslebcns unterliegen, darin rächt sichdiese Gesellschaft selbst an ihnen, gegen deren Gefahren man am ehesten sich schützt,wenn man ihr dient in: «ungegliederten Beruf, nicht aber wenn man im allgemeinenfür Tugend glüht, dilettantisch Gutes übt und im übrigen sich selber lebt. Wir hattenweiter oben Gelegenheit, zu zeigen, wie in dein Buche zuweilen ein Anlauf genommenwird, Emil zur Erkenntnis der Pflicht zu leiten, ja sogar ihn die Tugend auf ihrerhöchsten Stufe kennen zu lehren, als Ucbcrwindung des eigenen Selbst. Allein einrechter Ernst wird doch nirgends damit gemacht. In der That, es war dies auchnicht möglich bei der eudämonistischen Grundlage der Moral, bei der Voraussetzungder Selbstliebe als der bewegenden und treibenden Mitte, bei dem Vorherrschen derNützlichkeitsrücksichten im pädagogischen Wirken. Was nützt es? soll der Knabe hei allemfragen lernen, und das Mädchen: wie gefällt es? was denken die Leute darüber? Sobleibt selbstredend für das Gewissen nimmer viel Raum übrig; Gewissen aber undPflichtbewußtscin find die starken Hüter des Menschen unter den Versuchungen der Welt,und eine Erziehuugswcise, bei welcher die Eutwicktung und Festigung dieser verkürztwird, rechnet mit mangelhaften Factoren und muß ein falsches Product gehen.

Warum es jedoch in Rousseans System daran fehlt, das hat wiederum seinentieferen Grund in dessen Ansicht von der Natur des Menschen, als einer wesentlichguten, im Mangel der Erkenntnis von der Wurzel des Bösen in jedem Menschen, einMangel, welcher um so greller hervortritt, je schärfer Rousseau den Zustand der Ge-sellschaft verurtheilt. Alle Menschen miteinander sind schlecht, jeder Einzelne ist ansich gut, so lautet sein Refrain. Mögen andere hierin einen noch sich selbst unklarenIdealismus entdecken, uns scheint diejenige Diagnose die richtigere, welche jene einanderwidersprechenden zwei Sätze pathologisch aus Stimmung und Leben des Autors ab-Icitet, aus dessen Menschenscheue einerseits, bei der er doch von den Menschen nichtloskommen konnte, und andererseits aus jenem allgemeinen Tugendpathos, das seineAugen gefangen hält, daß sie den thatsächlichen Zustand des menschlichen Herzens nichtEhen. Mit Einem Wort, seinem System fehlt die Erkenntnis der Sünde als einerMacht über den Einzelnen. Im engsten Zusammenhang hiemit aber stehen dannseine Ansichten von der Entbehrlichkeit, ja vielmehr dem Schaden einer geoffcnbarten^r Zulänglichkeit der natürlichen Religion. In der Religionslehre Rousseausprägt sich der Grundmangel seiner Seelenlehre aus; es mangelt die Erkenntnis dessen,tvas den Menschen Gott suchen heißt: der Erlösungsbedürftigkeit, wie dessen, womitGott dem Menscben entgegenkommt: der Sünden vergebenden Gnade. Rousseaus