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Rousseau.
natürliche Religion, so schwunghaft sie für die von ihr noch tcstgehaltencn Glaubens-sätze eintritt, ist eben darum doch so kühl an sich und so ohne allen wesentlichenfluß auf seine Pädagogik, weil ihr die Einsicht und das Geständnis von der Mack!und dem Ernst der Sünde fehlt. Wir sagen dies hier nicht, um mit ihm darüber mrechten, daß er keine orthodoxe Pädagogik geschrieben habe; aber erinnern möchten wiran das scharfe Dictum Friedrichs des Großen, womit er seinen gelehrten Pädagoannba,in Schlesien zurechtgcwieseu hat, als dieser die großen Fortschritte rühmte, die mangemacht, seitdem man bei der Erziehung von der Voraussetzung der natürlichen Giiüdes Menschen ausgegangen sei.
Wir haben gesehen, wie Rousseau bei der Erziehung' an die Stelle des PfWbewußtseins und des Bewußtseins der socialen Nothwendigkeiten das Tngcndpathes Iund den Tugenddilettantismus setzte. Diesem Jrrthum entspricht ein anderer ver-wandter: es fehlt das ebenso sittlichende als gcistbildende Moment des Lernen-müßens, des Schulschwcißes, der doch nichts anderes ist als eine Vorbereitung ausden Schweiß des Angesichts, in welchem jeder tüchtige Mensch sein Brot zu essen batWer nun ohne Lernzucht aufwächst, der wird als Mann die Selbstzucht vermissenlassen, und darum erscheint uns auch von dieser Seite das Sichgchenlasscn Emils mRoman als der natürliche Reflex des Systems der Erziehung, während allerdingsauch wieder iu dem Zögling der Autor selbst sich abspiegelt, denn dieser ist Autodidakin allen Theilcn des Wissens, ihm fehlt aber ebendarum auch der sog. Schulfach Sounbestreitbar darum das Verdienst ist, welches sich Rousseau um die Art des Unier-richtens erworben hat, indem er die Herrschaft des pedantischen, die Natur der kind-lichen Auffassung und Aneignung ignorircnden Docirens erschütterte, so gewiß ver-ringert sich jenes Verdienst dadurch, daß er, ins'andere Extrem verfallend, demSebülerdie Mühsal des Lernens ganz abnimmt, ihm zugleich die Stützen der Lehrauctoritiitentzieht, dagegen aber den Lehrer mit der Ausgabe belastet, auf allerlei Listen zu sinnen,um jenen: beizukommen. Damit wurde von ihm Beispiel und Anstoß zu jener Unzahlvon pädagogischen Fündlein gegeben, womit hernach ein Basedow und andere — Reus-seaus Poesie in deutsche Prosa übersetzend — eine Zeit laug Aufsehen erregt, die Päda-gogik selbst aber in Miscredit gebracht haben.
Rückkehr zur Natur, naturgemäßes Lehren und Erziehen — in dieser Allgemein-heit ist die Forderung eine vollständig gerechtfertigte; aber verfehlt ist es, daß R. Naturund Gesellschaft als zwei einander ausschließende Dinge behandelt, und daß er ver-kennt, wie es eben zur menschlichen Natur gehört, gesellig zu sein. Daher kommtdenn auch sein Lobpreisen des Robinson, dem hernach wir Deutschen die CampescheBearbeitung desselben verdanken. llcberhaupt aber haben die Nousseauschen.Grund-gedanken diejenige Richtung geweckt und genährt, welche bis auf den heutigen Tag dieGeister weit und breit beherrscht; wir meinen die Richtung auf d:e Jsoliruna desSubjects, wodurch der Einzelne mitten in der Gesellschaft gleichsam zum Robinsonwird, die Welt von vorne anfängt zu bilden in seiner Einbildung, und anstatt an den !gegebenen Thatsachen sich zu stützen und zu üben, die eigene Gedankenwelt dem Lebenaufzudringen sucht. Unter Berufung auf die Natur hat Rousseau seinen Emil, wieseinen Staat construirt, aber in beiden hat er die Natur der Gesellschaft und diegesellige Natur des Menschen verkannt, und darum ist er, welcher gemächlich jedemgewaltthätigen Umschwung abhold war, Vorläufer der französischen Revolution, undzwar gerade der gewaltthätigsten Phase derselben; denn das Frankreich von 1783 hatseine Parole aus dem 6ontrat sooiul genommen, und auch später noch, so oft sich derdortige Volksgcist wider die regierenden Gewalten erhebt,, nimmt er zum Feldgeschreidie Nousseauschen Worte Uderts und eZmiits. In der That, die Schriften des Mannesenthalten einen solchen Reichthum von revolutionärem Zündstoff, daß die franMschoDemagogie bis auf den heutigen Tag aus diesem Arsenal sich zu versehen im Standeist; ja man möchte ihm überhaupt eine durch und durch revolutionäre Natur zuschrciben,wenn von ihm gesagt werden dürfte, er sei irgend etwas durch und durch gewesen?)
*) Vergl. 1) Geschichte der Pädagogik von Karl Schmidt, Dritter Band. Cöthen 1861-S. 469 f. S. 501 f. 2) Rousseau und Pestalozzi, Der Idealismus auf deutschem und französischemBoden, von Or. K. Schneider, Seminardirector. Bromberg 1866.