360
Rangordnung.
geradezu gemüthlose und grausame Verschärfungen des Verfahrens einführt. Von ch»diesen Arten des Certirens gilt, was Bormann (Unterrichtskunde I, 9) bemerkt d»der innere Werth des Unterrichts immer in Frage steht, wo solche äußere HülfsmUgesucht werden. Ja es enthält sogar das Certiren einen Widerspruch gegen die mHBedingung eines förderlichen Unterrichts. Dieser erheischt äußere und innere Rchder Schüler, eine Stille des Gemüthes, eine Sammlung des innern Menschen, dermtiefster Grund das Interesse am Gegenstände ist. Kann aber irgend etwas dk»Schüler von der Sache selbst ablenkcn, so ist dies die Erregung des Gefühls daLeidenschaft, der Selbstsucht. Es ist widersinnig, die Aufmerksamkeit durch die FuModer durch die Begierde erzeugen zu wollen, weil jede stärkere Bewegung des Gemütbrzdie Klarheit des intellectuellen Actes trüben muß. Eine Aufmerksamkeit, die sich nebendem Gegenstände auch noch mit dem eignen Zustande beschäftigt, ist eben eine ge-th eilte und darum keine. Noch verwerflicher ist das Certiren aus sittlichen Gründen.Denn was jemals der Rangordnung nach Kenntnissen zum Vorwurf gemacht werdenist, daß sie den Ehrgeiz wecke und das Ehrgefühl in eine falsche Bahnlenke, das muß von einem solchen Verfahren im vollsten Sinne zugegeben werden.Eine unzartere und frivolere Behandlung des Ehrgefühls kann es ja nicht geben, Mdiese unausgesetzte Appellation an dasselbe. Was die Rangordnung nie sein will, eineBelohnung oder Bestrafung, das wird beim Certiren zum offenbaren Princip desUnterrichts gemacht. Ist es dann nicht natürlich und nothwendig, daß ein Knabe,der so unabläßig an seinen Platz erinnert wird, diesen zuletzt zum Endzweck allerseiner Thätigkeit macht? Muß nicht der gestachelte Ehrgeiz, statt ein wirkliches Lernen,lediglich die Caricatur des Fleißes erzeugen? Aber auch getödtet kann der Ehrtriebdurch ein solches Verfahren werden, denn da die augenscheinliche Ungerechtigkeit, welchedas Certiren begleitet, auch dem Auge des Schülers klar werden muß, so ist es nichtzu verwundern, wenn er zuletzt völlig abgestumpft und gleichgültig gegen Beschämungendieser und anderer Art wird. Auch dem Lehrer selbst muß der klare und geordnete Fadendes Unterrichts bei solcher dauernden Störung sich verwirren. Kann er sich dagegenin jener Sphäre der Unruhe für die Dauer Wohlgefallen, so dürfte er schwerlich vondem innersten Wesen des Unterrichts eine Erfahrung haben. Aber auch dieses ungleicheMaß, mit dem so oft beim Certiren gemessen wird, diese rohe Gleichstellung des Un-bedeutenden und des Bedeutenden, diese herzlose Verachtung der Seelenangst, in welcherder befangene Schüler seine gedankenlose Antwort herausstößt, alles dies kann mrzur Verachtung des Lehrers und der Schule führen, und muß die zarten Wurzeln derPietät für immer absterben lassen. Gehen nun manche Lehrer so weit, daß sie auchsittliche Vergehungen durch sofortiges Hcruntersetzen bestrafen, so zeigen sie, daß fteben von der eigentlichen Bedeutung der Rangordnung und von der Gefährlichkitihres Beginnens keine Ahnung haben.
Wenn manche, wie z. B. Ncbe (Schullehrerberuf 381), das Certiren auf gewißUntcrrichtsgegenstände, wie die Wiederholung in den historischen Disciplinen, das Kops-rechnen, das cursorische Lesen re. beschränken und dadurch die schädlichen Wirkungendesselben abschneiden wollen, so liegt darin wohl eine gewiße Wahrheit, aber auchnur eine solche. Allerdings widerspricht die Unruhe des Certirens vornehmlich dementwickelnden Unterrichte. Wo der Unterricht mehr auf Befestigung und Einübungausgeht, wo also mehr das Gedächtnis als das Denken in Anspruch genommen wird,da wird freilich auch eine gelegentliche Zerstreuung weniger hemmend wirken. Abadaß hier die Promptheit der Erinnerung, die Schnelligkeit der Anwendung nicht eben-falls unter den Einwirkungen der Furcht re. leiden sollten, wird niemand behaupte»wollen. Dazu kommt ferner der Unterschied der Anlagen, welcher sich auch in diese»Hebungen geltend macht, und der dann veranlaßt, daß gerade die langsamen Kopseum die erforderliche Unbefangenheit gebracht werden. Genug, das Certiren erscheintnach allen Seiten und in allen Formen als enge verderbliche und den Forderung!»des Unterrichts widersprechende Sitte, welche durch ihr Alter nicht gerechtfertigt wird.Und wenn es Schulen gegeben hat, wie die Jesuitenschulen, welche den Ehrgeiz zumHebel der gesammten Erziehung gemacht haben, so hat die evangelische Pädagogik umso ernster das xrineixiis odstn an diesem Puncte zu beachten. Die Meinungen ümdie Sache waren immer getheilt. Die rationalistische Schule der deutschen Pädagogik