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2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
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Pietismus.

jene Sähe in ihrer Allgemeinheit dastehen: so hat ihr Inhalt in der Wirklichkeit rst,concrete Form angenommen, durch welche sich ihr Charakter verändert.

1. Der Pietismus hat ans der unbestreitbaren Superiorität der FrommiMüber alles andere menschliche Streben einen Gegensatz gemacht zwischen jener „tzzwischen diesem, eine Weltscheu, die freilich nicht consequent durchgeführt werden km«Das hängt zumeist damit zusammen, daß derselbe sich die Begriffe Frömmigkeit ichSeligkeit zu wenig in ihrer wesentlichen Einheit denkt, vielmehr vorwiegend die SeliMals Zweck, die Frömmigkeit als Mittel sich vorstellt, beide aber so weit ausem-mtzuhält, daß er die Seligkeit zu etwas schlechthin Transsccndentem macht, das weit ab lichvon Zeit und Welt. Diese Negativität des Seligkeitsbegriffs, diese Entferntheit ei«zGutes, das er mit Recht als höchstes Gut erkennt und mittelst der Frömmigkeit-,erreichen strebt, hat die Folge, daß ihm dasselbe, so zuverlässig es durch Gottes Wchund Geist verbürgt ist, doch stets wieder zu einem Gegenstand der Besorgnis wirkob er es auch erreiche. Daher nun rührt das sorgliche, ängstliche Wesen des Pietis-mus; daher die stete Befürchtung, durch irgend eine Beschäftigung oder Unterhalt»«die nicht unmittelbar religiöser Art ist, etwas an seinem Seelenheil zu verabsäumen-daher die Neigung, überall, auch in sehr gemischter Umgebung, dem Gespräch einereligiöse Wendung zu geben; daher in der ganzen Lebensführung eine gewiße Gesetz-lichkeit; daher die Neigung, stets in der eigenen Seele zu graben und zu wühlen,»immer genau zu wissen, ob der Herzenszustand in Ordnung sei; daher das Dringe,auf bestimmte Zeichen des Bekehrtseins und des Gnadenstandcs; daher der Maßstab,wornach der Pietist den Werth einer Predigt, eines Liedes bemißt, nämlich einzig bisErwecklichkeit, weil auch die Erweckten doch unaufhörlich des Erweckens bedürfen.

Ziehen wir hieraus die pädagogischen Consegueuzen, so sind es folgende. Indemder Pietismus davon ausgeht, daß die beschriebene Auffassung von Seligkeit uwFrömmigkeit, die bei einer gewißen, subjectiven Organisation des Gemüths psychologisch !ganz erklärlich und natürlich ist, auch objectiv die einzig richtige sei, muß er folgerichtigauch daraus hinwirken, dieselbe dem Kinde schon einzupflanzcn und nötigenfalls durchdie Auctorität der Erziehung zu erzwingen. Auch im Kindesalter ist, als Folge eigen-tümlicher, subjektiver Anlage, solch ein Zustand immerhin denkbar; das schlagendstBeispiel hiefür ist Zinzendorf. Aber was so, aller Erfahrung gemäß, im Kindesalteieine Singularität ist, das macht der Pietismus zu einem allgemeinen Gesetz und seidendaher schon vom Kinde ein Sorgen um Seele und Seligkeit in einem Sinne, dudemselben nicht natürlich ist. Denir wenn uns von Kindern berichtet wird, die, «,!'einer allgemeinen Erweckung ergriffen, über ihr Sündenelend klagen und jammern,')so können wir uns des Argwohns nicht entschla'gen, daß sie nicht wissen, was sie ihn,: -daß dieses ihr laut beweintes Sündcnelend ein von andern acceptirter Begriff ist, dafür sie, für ihr wirkliches Bewußtsein keinen Inhalt hat. Wenn ferner zur Be-schwichtigung jener Furcht um das Seelenheil das negative Mittel der Ertödtung jedesnicht religiösen Interesses, und das positive Mittel möglichst zahlreicher und möglichst sausgedehnter Andachtsübungcn angewendet wird, so ist beides abermals eine unnatürliche sZumuthung für das Kind. Die Folge ist entweder die, daß dasselbe, wenn es daraus -eingeht, seinen Horizont so verengt, daß ihm sein Leben lang ein freier Blick, ei»selbständiges Urtheil nicht mehr möglich ist; oder eignet es sich nur äußerlich dichWeise an, bringt es z. B. im Beten zu einer Virtuosität, die eben als solche dalschlimmste Hinderiris wahrer Herzensfrömmigkeit ist.*) **) Diese Gewöhnung, das wasdem wahrhaft frommen Menschen heilig ist, stets im Munde zu führen, das Heilig!darum auch überall in Weltliches einzumischcn, als ob das Aussprcchen von Erbau-lichem dem Weltlichen, dem es angefügt wird, die Kraft benähme, der Seele zu schade»,ist etwas, wodurch die Keuschheit des religiösen Siimes unheilbar verletzt und derReligiosität etwas plumpes, mitunter zudringliches und dadurch abstoßendes gcgeie»wird. Oder endlich empfindet das Kind den Zwang selbst schon als Zwang, was nurdie Folge hat, daß sich gegen alles Religiöse ein innerer Widerwille ansetzt, der dü

*) Vgl. Zinzendorfs Leben von Varnhagen v. Ense S. 123 jund: Fabri, die Erweckung!»auf deutschem Boden, Barmen 1861.

**) Vgl.jMiese, die Bildung des Willens, Berlin 1857. S. 26.