Physiognomik.
Pietismus.
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die bleibende Grundlage der äußeren Form weit mehr durch die Affecte bedingt wird,ls man früher denken konnte.
Was die An.wendung der Physiognomik auf die Erziehung betrifft, so hatBan vor allen Dingen vor voreiligen Anwendungen sich zu hüten. Gerade in diechlupfwinkel halb richtiger halb falscher Theorieen verkriecht sich so leicht die mensch-liche Schwäche einer oft unbewußten Parteilichkeit. Das Verhältnis zwischen Lehrermd Schüler ist so zart, daß ein etwas auffallender Mangel an Vertrauen schon dieQuelle wirklicher Störungen werden kann, und ein auf den „ersten Eindruck" begrün-detes Vorurtheil bestätigt sich oft nur deshalb, weil es eine verhängnisvolle Wirkung"bt. Wer freilich dieser Gefahr beständig eingedenk ist, der wird sogar sicherer gehen,wenn er physiognomische Studien macht, als wenn er dies nicht thut; denn unbewußttreiben wir doch alle beständig Physiognomik. Nützlich wird es namentlich jedemLehrer sein, sich von der Jdeenassociatioir Rechenschaft zu geben, welche ihn dazu ge-lacht hat, mit dem äußeren Eindruck eines Schülers sofort die Vorstellung dieser.oder jener geistigen Eigenthümlichkeiten zu verbinden. Unter solchen Cautelcn wollenwir gerne zugeben, daß das Studium der Physiognomik ganz geeignet ist, einem Er-ieher sowohl hohen Genuß als auch wirkliche Förderung zu gewähren. Der besteDienst, welchen sie leisten kann, wird immer der sein, wenn sie uns befähigt, dieIndividualität zu verstehen, zu achten und ihr gerecht zu werden.Allgemeine Schablonen dagegen in Verbindung mit einer bestimmten Sympathie oderAntipathie sind dem Erzieher mehr gefährlich als förderlich, und er wird vor allenDingen festzuhalten haben, daß die verschiedenen Formen als Symbole verschiedenereben und Gcistesrichtungen alle ihre eigenthümliche Berechtigung und Anspruch aufleich liebevolle Pflege haben.
Literatur: (^ristotetss) pliMoZm. — ll. U. Uortu, äs Iinm. ylr^sioZ'n.(1593, 1601 u. öfter). — Lavater, Joh. Kasp., Von der Physiognomik, 1772. —Ders., physiognom. Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschen-iebe, 4 Bde. kl. Fol., Winterth. 1774—78. — Lichtenberg, über Physiognomik,wider die Physiognomcn, Gött. 1778. — Desselben Erklärung zu HogarthsKupferstichen. — C. G. Carus, Symbolik der menschl. Gestalt, Leipz. 1852 und1858. — Piderit, vr., Th., Grundsätze der Mimik u. Physiognomik, Braunschw.sI858. — Niemeyer, Grundsätze d. Erz. u. d. Unterrichts. 1. Thl., 6. Beilage. —Volkmann, Psychol. (Halle 1856), bes. §.22 u. 23. — Diderot, Betrachtungen"ber die Consequenz der Natur in der Bildung ihrer Gestalten, mit den Bemerkungenvon Goethe. — Lotze, allg. Physiologie S. 295 u. ff.
Pietät, s. Achtung.
Pietismus. Die Erörterung dieses Gegenstandes unter dem pädagogischenGesichtspunct ist nach zwei Seiten unsere Aufgabe, sofern 1) unter pietistischer Er-ziehung eine besondere Art, ein eigenes System verstanden wird, das wir zu charakte-risiren und zu beurtheilen haben, und sofern 2) der Pietismus ein wichtiges Blatt inder Geschichte der Pädagogik ausfüllt, mithin auch als historische Erscheinung zuwürdigen ist. In letzterer Beziehung haben wir jedoch hier, da die wichtigsten Persön-lichkeiten, in welchen der Pietismus geschichtlich seine Träger gefunden hat, in eigenenArtikeln dargestellt werden, nur das Allgemeine zusammenfassend darzustellen und danebendiejenigen theils minder bedeutenden, theils dem Pietismus nur verwandten Erschei-nungen (namentlich im Bereiche des Sectenwesens) ergänzend zu berücksichtigen, fürwelche keine abgesonderte, monographische Behandlung nöthig oder geeignet erschien.
I. Zum Behuf einer gerechten Würdigung der pietistischen Denk- und Lebens-weise glauben wir von folgenden Sätzen ausgehen zu müßen. n. Der Pietismus setztwen Menschenwerth in die Frömmigkeit, und zwar b. in eine Frömmigkeit, die ihreabsolute Norm an der h. Schrift hat, und die c. alle ihr Zugethanen zu einer wirk-lichen Gemeinsehaft vereinigt, local in der Form des Conventikels, aber in weiterenund immer weiteren Kreisen durch manchfachen theils freien, theils organisirten Verkehr.So hingestellt, haben diese Ansichten des Pietismus für jeden evangelischen ChristenMe und entschiedene Wahrheit; es besteht zu ihrer Behauptung ein entschiedenesmecht. Allein so unverfänglich und unumstößlich, insbesondere so gut protestantisch