198
Pädagogik.
geben hat. Dieser betrachtet das Erziehungswcsen im ganzen als eine menschlicheEinrichtung, stellt seine äußere Organisation auf und beantwortet die Fragen, welchedie Beziehungen desselben zu den andern Theilorganismen der menschlichen Gesellschaft,insbesondere zu Staat und Kirche betreffen. — Unsre Aufgabe ist nun, den Inhalt ,,und die Gliederung dieser Haupttheile in möglichster Kürze zu begründen und zu er- Iläutern. Ein näheres Eingehen in den dritten Theil müßen wir uns übrigens hier 'aus den am Schluffe des Art. angegebenen Gründen versagen.
Die Principien lehre. Die Begründung aller Erziehung, ihrer Roth- !Wendigkeit und ihrer Möglichkeit, ihrer Kräfte, Mittel und Formen, sowie ihrer Ziel- !puncte liegt in der realen Idee des Menschen, d. i. in dem göttlichen Schöpfungö-gedankcn desselben, woran die beiden Seiten der Bestimmung und der Naturunterschieden werden. Beide sind ursprünglich ungetrennt und decken einander.Jedoch treten beide in der Wirklichkeit des irdischen Daseins zunächst auseinander, underst das Ziel der Entwicklung, der höchste Zweck der Erziehung zugleich, ist die Her- ^stellung der ursprünglichen Einheit. Dieses Auscinandertreten ist aber an sich nochkein Widerspruch. Die Stufen des Lebens, obgleich sie jede für sich die Idee desMenschen nur unvollkommen darstellen, sind doch Verwirklichungen von Theilidee»,und erst wenn sie auf normale Weise verwirklicht sind, kann die Gesammtidee in ihrergesunden Fülle hervortreten. Anders ist es, wo in der Entwicklung des endliche»Lebens Abnormität cintritt; hier zeigt sich die Natur in Widerspruch mit der Be-stimmung, und die Erziehung hat nicht bloß die Aufgabe der Bewahrung und Weiter- !Förderung, sondern auch die der Wiederherstellung. ^ j
Die Ethik hat ihr Augenmerk auf die Bestimmung des Menschen, die Psychologieans die Natur desselben gerichtet. Indessen haben beide in der ursprünglichen Einheitvon Bestimmung und Natur einen gemeinschaftlichen Kern- und Ausgangspunkt.Diesen Einheitspunct von Ethik und Psychologie festzuhalten, hat nun die Pädagogikdas erste Interesse — obschon sie bald den psychologischen, bald den ethischen Gesichts-punct wird vorantretcn lassen —, eben weil es Aufgabe der Erziehung ist, in derEntwicklung des Lebens die Bestimmung zur Wirklichkeit der Natur, die Natur zmklaren Bewußtsein und zum freien Wollen der Bestimmung zu bringen. — Die Pri»-cipienlehre beschäftigt sich
1. mit dem Menschen überhaupt, seinem allgemeinen Wesen, mit Ausschluß zu- ,nächst aller Besonderheiten in Natur und Bestimmung, wodurch Menschen sich unter-scheiden. Sie hat hier vor allem die allgemeinen Functionen der Persönlichkeit(L-eelenvcrmögcn) und ihren Zusammenhang, dann das Verhältnis der Seele zmLeibe und zur Sinnenwelt, ferner die allgemein menschlichen Zielpuncte der Bildung,endlich das zeitliche Dasein mit seiner Periodik und deren Ergebnissen zu behandeln.
u. Die Form des menschlichen Daseins ist die allseitige Endlichkeit und infolgedessen das Werden, die Veränderung und die Zeit, von deren Gesetz der Mensch ab-hängig bleibt, die er aber kraft des Inhalts, welcher ihm ursprünglich als Eigen-thum gegeben, und dessen Besitz er als endliches Wesen in steigender Entwicklunggewinnt , mit Freiheit zu beherrschen und zu ordnen fähig und berufen ist. DieserInhalt ist das, was ihn zu einem geistigen Wesen macht, nämlich die Wahrheit,d. i. das ewige Wesen der Dinge. Hierauf beruhen die sogenannten Seelenvermögenoder geistigen Grnndfunctionen, das Denken und Erkennen, das Wollen mit demHandeln, das Fühlen und Begehren. Sie sind nicht als abstract subjective Ausgangs-puncte anzusehcn; sie sind nicht Kräfte außerhalb der Wahrheit und ohne dieselbe; stsind vielmehr die Kraft der Wahrheit selbst, und in dieser haben wir nicht allein da«Objective unsers Wesens, sondern auch das Subjective. Der Mensch ist als freiesSubject nichts anderes, als sein Glauben und Wollen, und deren Kraft ist Kraft derWahrheit, mit der er im Selbstbewußtsein eins geworden. Das Selbstbewußtst»aber mit seinem Anspruch und mit seinen Aufgaben ist nichts anderes, als der Ge-danke der Loelbstheit, welcher als ideales Princip in uns aus dem dunkeln Gefühls-leben heraus sich zur Wirklichkeit unsers endlichen Lebens entwickelt und die persönlicheFreiheit erzeugt. I
... Das Denken und Erkennen beginnt mit der Anschauung, schreitet fort zum Be-griff und vollendet sich in der Idee. Die Anschauung ist zwar zuerst eine Aufnahme ,