178
Oppositionsgeist.
welcke das aufstrebende Kraftgefühl der Jugend in Verbindung mit dem frühzeitigKeimen eigenartigen Dichtens und Trachtens gerade in edleren Naturen hervorln«Ter Knabe oder Jüngling, der den Naturtrieb in sich fühlt, sich in originellerzu entwickeln, wird durch jeden Eingriff der Erziehung unangenehm berührt, lindesthängt es von seinem Temperament ab, ob die Rcaction gegen diesen Eingriff zu sG.,!Verschlossenheit oder zu oppositionellem Auffahren führt. Eine für den Lehrer Msonders fatale Mischung von bcidem ist die oppositionelle Miene, die gegen ei»,!Ermahnung oder auch gegen den Lehrvortrag gerichtet ist. Als bewußte Unart gGeine solche Miene zu den schlimmsten Symptomen, die es geben kann. Ein ne«Lehrer, der seine Schüler noch nicht'durch und durch kennt, kann nicht wisse», et a!eine bewußte oder unbewußte Regung vor sich hat. Der sorgsame Erzieher hat Efür alle solche Fälle ein Univcrsalmittel, das, wenn er es im richtigen Geiste Dwendet, wohl nie versagen wird. Es ist die vertraute Besprechung. Nichtsso geeignet, das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer ins klare zu setzen, als«ruhige, liebevolle Zusprache unter vier Augen. Dies Mittel ist gleichzeitig für Pguten Sinn schonender, aber auch für den bösen Sinn dcmüthigender, als eine SGstrafe. — Wenn der Schüler in der Classe selbst aufbraust, so gebührt ihm natiiMauch eine den Umständen entsprechende sofortige Zurechtweisung. Sonst aber wird tiBehandlung dieselbe sein. >
Uebrigens hat der Lehrer, welchem die Opposition edlerer Naturen häufigerekommt, stets Grund, auch bei sich selbst einzukehren, und sich die Frage zu Mir.ob seine Leitung auch die rechte ist. Der Erzieher soll sich nicht auf eine hcrztzSicherheit in der Handhabung der Amtsgewalt verlassen, sondern er soll sich sieze->ob er fest im Geist der Wahrheit und der Liebe steht, und ob er auch der z»>Keime des Guten wartet, die in ihrer zukünftigen Entfaltung oft wcrthvollcr sind Äalle ostensiblen Resultate.
Schlimmer steht cs mit der Opposition jener negativen Naturen, welche Hertmlin seinen Briefen über die Anwendung der Psychologie auf die Pädagogik so irchiejbezeichnet: „Tie Erfahrung zeigt unleugbar „Geister, die verneinen;" sie zeigt dmkschon im frühen Knabenalter. Es gibt Kinder, denen nichts recht ist, die in M-Ieinen bittcrn Tropfen hineintragen, überall tadeln, schmähen, verleumden, weilnüberall eine Kehrseite erblicken, und selbst im Genüsse nie eigentlich froh wella.Das Böse keimt bei ihnen so leicht und so früh, daß man unwillkürlich an Erbsimerinnert wird. Zuweilen, doch nicht immer, läßt sich etwas disharmonisches in ihmKörperbau Nachweisen, daß aber ein solches auch tief verborgen liegen könne,«wird das wundern?" Uns will scheinen, daß solche negative Naturen nicht innm.swie es Hcrbart hier annimmt, aus vegetativen Mängeln hervorgehen, sondern iqauch die Starrköpfigkeit des Gewohnheitsmenschen oft ähnliche Erscheinungen erzniziJa sogar die Blasirtheit, die immer eine hohle Negativität der Stimmung hemsbringt, ist leider oft schon früh in die Jugend eingedrungen. In beiden Fällen giltsich des ungeduldigen Aergers zu erwehren, offene Unarten scharf zu rügen und«übrigen aus die langsamen und dauernden Wirkungen einer gesunden Tisciplm Avertrauen.
Tie dritte Form des individuellen Oppositionsgeistes leitet bereits zu den k:'scheinungen der gemeinschaftlichen Opposition hinüber, insofern cs Charaktere gÄwelche am Verhetzen und Aufstiftcn andrer Freude haben und sich in der Rolle «Anführers zu allen schlimmen Streichen gefallen. Wir wollen nicht leugnen, daMusiiunruhige Köpfe dieser Art vorübergehend auch in wohlgeordnete Schulverhältnisse«fatale Störung gebracht werden kann; im ganzen wird man aber annehmeu tön»daß ihnen ihr Werk nur da gelingt, wo der Boden schon mehr oder weniger vorbenitiiwar. Im übrigen versteht es sich von selbst, daß die Besserung solcher Individuen a»,öffentlichen Schule nicht obliegen kann, und daß in schlimmeren Fällen die baldinalichste Entfernung derselben geboten ist. . !
Wo eine engere gemüthliche und sittliche Beziehung zwischen Lehrer und S5iil«Ifehlt, und die Schule lediglich auf den Mechanismus äußerlicher Pflichterfüllung «baut ist, da wird der schlimme Uebelstand eines in der Gemeinschaft der SÄ«!wurzelnden Oppositionsgeistes am leichtesten Boden gewinnen. Schleiermnchm