Naturfilm.
161
Gedicht, welches an einer mit seinem Inhalte stimmenden Oertlichkeit recitirt wird,mwand'clt sich in ein echtes Gelegenheitsgedicht, und ein solches soll ja nach GoethesAusspruch jedes gelte Gedicht sein. Fürwahr, ein solcher Umweg der Kniest ist dersicherste und kürzeste Weg, um zu einem reinen, vergeistigten Naturfilme zu gelangen.
Die höchste Weihe wird indes dem Natnrsinne erst dann zutheil, wenn „Gottes un-sichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man deswarniinmt an der Schöpfung der Welt." Die physikothcologische Naturbctrachtungist neuerdings sehr zurückgedrängt und bitter verspottet worden; aber der Erzieher findetnichts desto weniger reichlichste Gelegenheit, um jenem herrlichen Ausspruch desApostels leachzeeleb'en. Welcher Mensch fände nicht tausendfachen Anlaß , die hoheZweckmäßigkeit zu bewundern, lvie sie sich besonders ine Werden organischer Wesenoffenbart; wer kommt nicht, wenn er auch ein noch so tief dringendes Forschcrauge be-sitzt, auf den Peenet, wo cs nach Goethes Wort gilt: „das Unerforschliche still zu ver-ehren?" Die Anschauung des Lcbeees und Treibeies der unvernünftigen Geschöpfe(welche, wie Schiller bemerkt, „die eigeee Leest gewähren, daß sie, ohne uns zu beschämen,m manchen Stücken unsere Muster sind") läßt sich auch wohl dann und wann zurBelebung des sittlichen Gefühles vcrwcrthcn; aber die Moral des Fabeldichters erfor-dert feinen Takt. Unverfänglich darf dagegen beim Beschauen des Anreisen- und Bienen-staates der Fleiß und die Ordnung dieser Musterthiere gerühmt werden.
lieber die Bildung, die dem Naturfilm in der Schule zeitheil werden soll, mögeneinige Andeutungen geiengen, da manches von der häuslichen Pflege gesagte auch hiergilt und die rein didaktischen Regeln dem Artikel Naturgeschichte zugehören.
Die gelegentliche Ucbung des Natursinns ine Freien ist für die Schule wenigerleicht möglich, als für die Familie. Eine größere Classe auf Spaziergängen gehörigzu führen, so daß der Zusammenhalt gewahrt bleibt, ohne daß durch soldatischen Zwangdem Einzelnen die Lust zu frei gewählten Anschauungen verkümmert wird, ist eineschwierige Aufgabe. Bei rechter Anwendung ist aber der Schulspaziergang für dieBildung des Naturfilmes von so hohem Werthe, daß die Schwierigkeiten nicht ab-schreckeu dürfen. Der Schüler muß ja die Naturdinge im Freien beschauen, um mitihnen als lebenden Wesen vertraut zu werden; er muß im Walde den Baum, von demer Blüte und Blätter in der botanischen Stunde kennen gelernt, iee vielen Exemplarensehe», um die unendlich reichen Variationen des Formengremdgesetzcs zu gewaren; ermuß ins Freie geführt werden, um das Gesammtbild der Natur auffassen zu lernen.Das beste Verfahren für solche Ausflüge möchte dies sein. Auf geeigneten Stellenüberläßt man die einzelnen Schüler dem Antrieb ihres Naturfilmes, damit sie selb-ständig suchen und dann die Genossen zur Mitbeschauuieg ihres Feindes einladen; anwichtigen Deutlichkeiten aber haben sich alle eng um den Lehrer zu sammeln, der zeigtund erklärt und beim Ausruhen sich über die früheren gelegentlichen Beobachtungenberichten läßt. An dem Glanzpuncte des Ausfluges darf ciee an die Natursccne an-knüpfcndes Chorlied nicht fehlen. Die Erlaubnis, den Lehrer auf einem Spaziergangezu begleiten, sei Belohnung für solche Schüler, die sich durch fleißige Uebung ihresNatursinnes hervorthem. Oester lasse sich der Lehrer mündlich oder schriftlich überdie Ausflüge berichten, welche die Schüler für sich machen; der deutsche Aufsatz, derzuweilen die Schilderung eines einheimischen Naturwescns oder einer Partie derHeimatflnr zum Thema haben soll, gicbt die beste Gelegenheit, den Natnrsinn dereinzelnen zu erkennen und zu berichtigen, da die Jugend bei solchen schriftlichen Arbeitendie Gefühle, welche sie sonst scheu verschließt, gern ausspricht. Empfindsamer Ueber-schwänglichkeit und schwärmerischer Oberflächlichkeit tritt man am besten dadurch ent-gegen, daß auf genaue Anschauung des Objectiven gedrungen und durch gute Muster-smcke gezeigt wird, wie der echte Natursinn auffaßt und schildert. Der natursinnigeSchüler, der in der Sprachbildung zurückblcibt, ist zur Ueberzeugung zu bringen, wieman nur durch Beherrschung der Sprache die Anschauungen bemclstern und ver-lverthen kann.
Für den Unterricht in der Classe ist stets zu berücksichtigen, daß man denSchüler die Freude des eigenen Suchens und Findens empfinden lasse. Die Wcitcr-suhrung des kindlichnaiven Natursinnes zum wissenschaftlichen und ästhetischen Auffassenmuß in zarter und die Bildungsstufe berücksichtigender Weise gescheben. Besonders hüte
P-d-g. Handbuch. II. 11