Nation.
Nationalbildung.
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Die Nationalerziehung braucht nicht im geraden Verhältnisse zu der allgemeinenBerstandescultur zu stehen, welche in einem Zeitalter verbreitet ist, cs genügt, wennsie nur mit dem sittlichen Ernste zusammenstimmt, welcher ein Volk beseelt, durchBewahrung seiner gemeinsamen Ahnungen, Anschauungen und Selbstofscnbarungsweisendas Volk sein und bleiben zu wollen, das es eben ist. Die Konsequenz, welche wiram Manne als einen Vorzug anerkennen, soll noch mehr in der Nation ein Charakter-u,g sein, der sie ehrt. Viele deutsche Stämme sind hinter der sogenannten Cultur undCivilisation des Tages noch zurück, haben sich aber sonderlich in den Hochländern viel»on ihren alten Stammessitten und Weisen bewahrt. In der Erziehung bei vielendeutschen Familien, insonderheit der höheren Stände, ist noch immer viel Charakter-losigkeit und in vielen Staaten noch viel Unverstand, Taktlosigkeit, Muthlosigkeit undUnbestimmtheit. Einflüsse der Gelehrsamkeit (!) und des Klerus erweisen sich hier-von größerem Erfolge, als die von gesunder, frischer, sittlicher nationaler Bestrebungund Entschiedenheit.
Die Erziehung zum Patriotismus ist in einzelnen Zuständen oder Epochender Nationalerziehung wesentlich und nur dann erhält die erstere den Charakter vonetwas apartem und pointirtem und forcirtem, wenn in einer Nation die Scheidungenin den Meinungen so schroff werden, daß Gefahr droht, die eine Partei könne es mit denGrundinteressen, welche des Vaterlandes Bestehen bedingen, leichtfertig nehmen. Es istaber schlimm, wenn sich die nationalen Anschauungen so sehr spalten, daß die eineSeite sich zu dem Glauben versucht sehen kann, sie allein vertrete in voller Weise dasInteresse des Vaterlandes. Wenn es freilich die Abwehr des Fremden gilt, das sich«»geschmeichelt oder eingezwängt hat, so bezeichnet eben patriotische Erziehung die imAngesicht und Gegensatz des Fremden ihrer vollsten Kraft bewußt gewordene National-erziehung.
Und dieses mannigfaltige Handeln, das in einer Nation, die in die Zustände derGesittung, ja der Civilisation getreten ist, sich auf Können und Wissen, auf Erkennenund Darstellen, auf Lieben, Pflegen und Neben, auf Vor- und Nachthun, auf Lehren undLernen, auf Gewöhnen und Versuchen, auf Mittheilen und Empfangen richtet: dieseBefähigung und Bemühung, etwas zu sein in einer heimatlich trauten Gemeinschaft undfür eine Gemeinschaft, mit der man seine Identität in der gleichen Abstammung weißund in der man seine Differenz von allen anderen Nationalitäten in tausend unsag-baren Umständen fühlt, sollte nicht am Ganzen in einem bestimmten Ausdrucke gemäßdem in solcher Gemeinschaft waltenden Geiste zum Vorschein und zu charakteristischerDarstellung kommen? — Zwar mochte Rousseau zu seiner Zeit und an seinem Orteein Recht zu der Behauptung zu haben glauben: „Der Geist der Gesellschaft oder desVolks ist etwas himmelweit verschiedenes von dem Charakter eines Einzelnen!" Dasmag in verderbten Zeitaltern und Nationen der Fall sein; wo aber der Kern derNation noch gesund ist, da trägt der Einzelne durchschnittlich das Gepräge des Ganzen,in der Neuzeit wie im Alterthum. Wir sind der Meinung, wie das Licht) das injedem einzelnen sich sammelt, der an seiner Lwlbstvcrvollkommnung arbeitet, an einemsolchen schon nicht unbcmerkbar bleibt: ebensowenig wird die Gesammtempfänglichkeit,welche in einer Nation für die Eindrücke von Schönem oder Widrigem vorhanden ist,die Begabung derselben für Aneignung, Bewahrung, Vermehrung und Verarbeitunghon aus ihr quellenden oder ihr zuströmenden Erkenntnissen der Wahrheit, die Be-strebung, irgend welche große und nützliche Unternehmungen ins Werk zu setzen —chr Licht und Leben unter den Scheffel zu stellen Neigung oder Vermögen haben. Eskann nach irgend einer Seite aus Vorliebe zu viel oder aus Abneigung zu wenig ge-Ichthen,immer aber ist ja der Ausdruck des in einer Nationalpsyche sich entfalten-den geistigen Lebens auch eine Seite ihres Gebildetseins. Im vollen Sinne wird dannNationalbildung die Wohlgestalt sein, in welcher sich das in fortwährender Bewegung
« und seine Väter Freud und Leid getheilt haben und theilen, treue Anhänglichkeit bewahren.Mr wie eine Erziehung ini nationalen Sinne in Deutschland überall, auch in den kleinstenMaaten, schon vor 1871 möglich war, so ist sie freilich mit 1871 um vieles freier und leichter,ia zur gebieterischen Nothwcndigkeit geworden.