Nation.
Nationalbildung.
137
! ist keine Gesetzgebung gewesen, welche nicht in Absicht der Erziehung Vorkehrungen inN nationalem Sinne getroffen hätte; keiner ihrer Weisen hat gelchret, der nicht auch über^Erziehung seine Ansichten kund gegeben und Festsetzungen getroffen hätte. Wennconstitntionelle Staaten der Neuzeit Gesetze über Unterricht und Erziehung erlassen,-so wird cs ihnen, wie den Staaten des Alterthums, ein Anliegen sein mäßen, nicht'Bestimmungen nach allgemeinen Doctrinen zu geben, sondern in: Geiste und zur' Forterhaltung ihrer Nationalität.
Das Mittelalter, wie es seine Lebensformen für den Einzelnen und die Gemein-schaften ebenfalls hatte, ließ auch die Erziehung desjenigen Theiles seiner Jugend, in:dem der Kern der künftigen Nation lag, die entsprechende Richtung nehmen. Ritter-lichkeit, Scholastik, Ascetik sind solche Richtungen; aber wie konnte von einer National-, erziehung die Rede sein, wo es zwar in Gestalt von Ständen nicht an nationalen' -Gliedmaßen fehlte, aber keine eigentliche Nation, sondern nur eine an Gefolgschaft^gewöhnte Masse, Volk, vorhanden war? — Vielleicht war das Feudalwesen imgroßen immerhin eine Art von Nationalorganisation; aber eine Nationalerziehung hat''dasselbe als ihm contradictorisch nicht veranlaßt. Und der Feudalismus zeigt sichnoch immer als der Geger von aller ins Allgemeine greifenden Bildung. Wo dieBildung eines und desselben Gepräges nicht jedermann im Volke berührt, erreichtund verhältnismäßig packt und erfaßt, da wird auch nichts sonderliches von Bemühungizur Hervorbringung nationaler Bildung anzutreffen sein. Wie die Ritter hinter ihrensBurgen sich gegen das Volk, und die Bürger hinter ihren Mauern sich gegen die-s Ritter abschloßcn, so entfremdeten sich die Gelehrten mit ihren Universitäten undß Studien sprachlich und geistig dem Volke.
^ Die deutsch werdende und redende Kirche der Reformation wendete sich in natio-snalen Ahnungen mit ihrem Cultus, ihrem Liede, ihrem Lehrbuche dem Volke zu undwar von einer Wirkung auf das Volk aller Stände, wie niemals zuvor eine In-stitution unter den Deutschen es gewesen war. Es lebte in den evangelisch-kirchlichenr'Gemeinschaften die Erkenntnis, daß es gelte, auf die Massen cultivirend einzuwirken,und die katholische Kirche blieb da, wo sie dieses Strebens Bedeutung verstanden,weder in Ernst noch an Geschick dahinten. Wer aber ist, der diese durch die Kirchenum ihres eigenen Interesses d. h. um ihres Fortbestandes willenangelegte confessionalistische Bildung für eine nationale ausgeben wollte?! Eine, nationale ist sie eben deswegen nicht, weil sie nicht aus dem Kern und LebenSmarkeder Nation selbst hervorgegangen ist. — Als nachher der Jesuitismus von der einenund später der Pietismus von der andern Seite mit eingriffen, war in diesen Be-mühungen vielleicht manches cigenthümliche, aber nichts nationales; eine Nation ist' weder als ein Jesuitengeschlepp noch als eine Conventikelgesellschaft denkbar. Der Philan-^thropinismus war eine gegensätzliche Erscheinung — aber Nationales für die BildungIn schaffen war er, der auf vornehmer Leute Kinder, wo möglich aller Raccn und.^Länder auf einmal berechnet war, völlig impotent. — Nächstdcm hielten die IdeenJRousseau's, Montesquieu's u. a. ihren Einzug auch bei den Deutschen. Es ward diegemeine Masse der Mitmenschen auf Grund dieser Ideen allmählich wirklichwie als lebensberechtigt, so auch als bildungsbedürftig angesehen und erklärt.—Min zu Basel hat in seiner Schrift „lieber die Geschichte der Menschheit (1767)"eine Ahnung von der Bedeutung der Erziehung für die Menschheit. Aberganz seinem Zeitalter gemäß hat er noch keinen Blick für Erfassung eines Charaktersoder einer Physiognomie von einer Nation.
Montesquieu auf seinem politischen Standpuncte konnte noch weniger die Be-deutung der Erziehung in ihrem Einflüsse aufs Ganze entgehen. Er weisetes nach, daß die Gesetze der Erziehung mit den Principien der Regierungubmin kommen müßten, und charakterisirt dann die Erziehung in den Monarchien, inden Despotien , in den Republiken als eine in jeder Staatsform besondere. Aber alsRomane übersieht er völlig, wie oft die Regierungsform eines Staates etwas ist, dasm schreienden MisVerhältnisse zu der natürlichen Lebensäußerung einer Nationsein kann.
Unser Landsmann v. Ro ch ow, der die wohlwollende Absicht hatte, „die Vortheileder sich schon damals steigernden Cultur dem gemeinen Manne, wie er ihn nannte,