Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

136

Nation.

Nationalbildung.

Haar, Gesicktsbildung die äußcrlickie darthun. Jeder scheint hier Raum für sei»rIndividualität zu haben und doch ist in jeden: einzelne,: dem Anscheine nach nichtsanderes als das Ganze wieder von neuem vorhanden.

Dieses eigenthümlicke Wesen an der physischen und sittlichen Seite des Mensche»,das sich in allen denjenigen in stärkerer oder schwächerer Ausprägung übereinstimmendvorfindct, die zu einer Nation gehören, und worin sich eine bestimmte Seite der allge-meinen Menschheitsidee verwirklicht, ist die Nationalität. Jahn hat dafür dasdeutsche WortVolksthum" geschaffen und die Sache in der oben ungezogene»Schrift nachgewiesen und gepriesen. Die Neueren sprechen und schreiben lieber: VM-thümlichkeit. So auch L>chleiermacher in: Gegensätze zur Persönlichkeit. Das SpeciMeeiner bestimmten Nationalität anzugeben wird höchstens denNaturgeschichtsschreibcr»der Völker,"*) wie Riehl, oder denVölkerpsychotogcn," wie Lazarus, Steinthal u»danderen in unseren Tagen zufallen. Vergleiche Schleiermacher, Entwurf cimsSystems der Sittenlehre, Berlin 1835, S. 104. Lazarus, lieber den Ursprungder Sitten, Berlin 1862. Es giebt indes keinen Sonderzug, also z. B. keinen Fehler,den man als einen einer bestimmten Nation anhaftenden bezeichnet, der sich nichtebenso auch bei anderen fände. Und doch ist jede Nation eine andere. Sie scheine»hierin den sogenannten indifferenten Heilwässern zu gleichen, die in der Natur sich alsverschieden erweisen, aber vor der zersetzenden Thätigkeit des Chemikers sich als te»einander nicht verschieden darstellen, weil über der Untersuchung das Unterscheiden!:schon verschwunden ist.

Es kann sich nun diese natürliche und sittliche Ur- und Grundsubstanz Jahr-hunderte lang als ein unbewußtes Gut oder Uebcl in der Gesammtmasfe einer be-stimmten Nation vorfinden, forterhaltcn, auch wohl aus- und umarbeitcn; es kamindessen auch die nationale Eigentümlichkeit Gegenstand besonderer absichtlicherEinwirkung werden, um sie zu pflegen. Die Nationen haben in dem Grade, alssie sich erkannten, mit Angelegentlichkeit ihre Nationalität zu erhalten, zu entwickeln, auchwohl zu veredeln gesucht; oder wie die Juden und Polen gegen alles mit Zähigkeitstarken Widerstand gethan, was ihnen ihre Nationalität antasten wollte. Man mciukmeistentheils in den Nationen und zwar mit Recht, von der Kindheit an müsse dirPflege dieses Nationalen geschehen. So wurde von Alters her die Erziehungzum Mittel, den Einzelnen in Conformität zu setzen mit dem Gesammtcharakter undallgemeinen Typus, welchen die Lebensgestalt der Nation ausgebildet hatte.

Diese Erziehung in nationaler Conformität wie zu derselben hat in: Alterthumin der Kraft eines starken Naturtriebes mit größerer Energie stattgefimde»als in den Zeiten späterer Cultur, insbesondere des modernen durcheinanderwirmidniBölkergemenges und des sich verlotternden Einzellebens in den Familien. Das HauS,wo es mit allen Wurzeln seiner Kraft in dem Gesammtlebcn seiner Nation eingepflm)stand, handelte, nach allen Seiten seiner Lebensaufgabe hin, erfüllt von dem LebmS-gebalt feiner Volkstümlichkeit. Die Erziehung konnte in einen: solchen Hanse keimandere als eine nationale fein, selbst wenn sie bewußtlos erfolgte weil man m»einer andern keinen Begriff, für eine andere keinen Sinn hatte. Die Staate»,welche sich in ihrer Besonderheit erkannt hatten, richteten in dem Grade, als die E»i-faltung solcher Besonderheit ihnen von Bedeutung für ihre Existenz erschien, ihnAufmerksamkeit und Kraft auf die Auferziehung ihrer Jugend zu nationaler Ueberei»-stimmung.

Die Geschichte der Volkserziehuug hat dies alles zu schildern und ist solches zumTheil von Cramer, von Raumer, Krause u. a. bereits geschehen. Es konnte mitfehlen, daß nicht auch in dem Grade, als eine Nation eine gebildete ward und dabcidie Hehrheit ihres Volksthums ahn et e," die Erziehung in nationalemSinne und Interesse Gegenstand der Ueberleguug, ja der Theorie wurde.Moses traf in solcher Weise schon Anstalten (2 Mos. 13, 14) und in Griechenland

Ein Meisterstück solcherVolksnaiurgeschichte" ist z. B. die Charakteristik des schwäbische»Volkscharakters von Rümelin in der Schrift: Das Königreich Württemberg. Eine Beschreib»»!!von Land, Volk und Staat. Herausgegebcn von dem statistisch-topographischen Bureau 1863.