Muttersprache.
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auf den Artikel „Mundart" zurückzuverweisen; und wollen nur noch flüchtig berühren,daß man durch die Muttersprache auch zu dem Stande prädisponirt wird, in: Riehl'-schm Sinne; die Sprache charaktcrisirt den Bauernstand, wie den s. g. Herrenstand.
Hier ist nun aber gerade der Ort, von den theoretischen Betrachtungen zu einigenpraktischen Fragen überzugehen.
Zuvörderst ist es grundfalsch, wenn man glaubt, daß jeder Mensch seine Mutter-sprache von selber lerne, und daß sie ihm gleichsam angeboren sei. Wohl kanninan sagen, daß der Mensch eine angeborene Empfänglichkeit für die Sprache über-haupt hat; für die Auffassung und das Wiedergeben von Sprachlauteu ist sein Ohrund seine Mundhöhle gebildet. Aber daß er für eine bestimmte Muttersprache or-ganisirt sei, wird kaum nachzuweisen sein,*) sicherlich wenigstens nicht bei den Völkern,die einem und demselben Sprachstamme angehörcn, wie die meisten europäischen Na-tionen. Slaven, Germanen und Romanen haben physiologisch und anatomisch diegleichen Sprachorgane. Es ist für den lernbegierigen Ausländer überaus anziehend,Kinder eines fremden Volkes sprechen zu hören; selbst die kleinsten Stammler sindihm höchst interessant, als angehende, ringende Virtuosen, die mit denselben Schwierig-keiten kämpfen, wie er selbst, und ihren Sprachschatz ebenfalls zusehends vermehren.Aber nie werden sie ein Wort finden, das sie nicht gehört haben: es ist ein fort-währendes Lernen. So ist es nun nicht bloß bei Kindern im zweiten, dritten, viertenJabr, sondern so geht es fort, im Grunde das ganze Leben hindurch. Die ganzeSchulzeit über hat der Knabe seine Muttersprache zu lernen, in der gleichen Weise,durch Nachahmung. Von selber kommen ihm Wörter und Wendungen nicht in denKopf, von selbst lernt er nie richtige Sätze bilden. Die Klage über die Unfähigkeitder überwiegenden Mehrzahl der Schüler, in ihrer deutschen Muttersprache sich leichtund geläufig, mündlich und schriftlich auszudrücken, ist in Süddeutschland wenigstensimmer noch laut. Das führt uns aber hinüber auf ein anderes Gebiet, nämlich ansden Unterricht im Deutschen, und darüber s. d. Artikel „Deutsche Sprache."
Mit unserer Aufgabe hängt aber nun, wenn auch nicht direct, doch von derSeite her, ein praktisches Problem zusammen, welches nicht eben leicht anderswounterzubringen ist. Es ist dies die Frage über das Erlernen einer fremden Spracheneben der Muttersprache. Die Frage liegt uns schon darum nicht fern, weilwenige Völker so eifrig ausländische Sprachen erlernen, wie die Deutschen. Natürlichaber handelt es sich hier nicht um das gelehrte philologische oder linguistische Studium.Das grammatische Erlernen einer Sprache, zumal der elastischen, ist bei uns allgemeinals das vortrefflichste formelle Bildungsmittel des jugendlichen Geistes anerkannt(vgl. den Artikel Bildungsgehalt). Etwas ganz anderes aber ist es, eine fremdeSprache zum täglichen Gebrauch, als Conversationsmittel zu handhaben, sie sprechenzu können; und davon ist hier die Rede. Herangewachsene Leute, zumal aber Gelehrte,lernen das nicht leicht; zu einer relativen Vollkommenheit bringen es überhaupt nicht sehrviele Menschen, die in reiferen Jahren ein fremdes Idiom sich anzueignen streben.Frauen lernen leichter mit Fremden parliren, als Männer, wird behauptet. Sollenwir sagen, weil sie weniger geistige Individualität, mehr Jnstinct als Verstand haben?Das sei ferne! Aber wohl mag der Grund darin liegen, daß die weibliche Natur,zu ihrer Ehre sei es gesagt, der kindlichen näher steht, woraus sich nach unserer ganzenTheorie die Sache leicht crgiebt.
Wo man deutsch redet und denkt. Es soll nicht geleugnet werden, daß man mit dem Blute^nationale Bestimmtheiten erhält, aber man muß sich wohl hüten, dieselben als fixe, bei den In-dividuen sich ohne weiteres als Kennzeichen der Nationalitätsspecies entwickelnde zu denken.
Ä *) Um nicht zu reden von den so charakteristisch tönenden Vocalen und Diphthongen, anWelchen die Muttersprache und die Mundart erkannt wird, und welche sich so innig an die SeeleIngen, wie kein Mitlauter; auch für die auffallenden und eigenthümlichen unter den letztem, fürdas tb der Engländer, das ell der Schweizer und Spanier, das I inouills der Franzosen, dasMrie I der Slaven hat man sich keine besondere Organisation zu denken. Der Beweis liegtsEwch in der Thatsache, daß alle gesunden Kinder anderer Nationen, und viele Erwachsene, diese> vaute vollkommen richtig hervorbringen lernen. Sind doch die schwierigen Laute ostafrikanischer'^wchen; wie der berühmte Afrikareisende Krapf versichert, von den weißen Kindern französischer- Eltern vollkommen wie von Eingebornen gesprochen worden.
Piidag, Handbuch. II. Ü