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2 (1879) Lob - Zuneigung
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Muttersprache.

eine mislickie Sache, und nach unserer lleberzcugung für unfern Zweck durchaus nickt iuöthig. An die feinen Apperceptionen in mundartlicher Betonung mag wohlerinnert werden, durch welche so überaus charakteristisch für den Kundigen die Eigenart Iprovincicller Besonderheit markirt wird.

In der That bedeutsamer als der Laut ist, wie sich wohl von selbst versteht, dasWort selbst. Das Wort ist eine bestimmt ausgeprägte Form für eine zum Bewußt-sein gekommene innere Erfahrung. Gcmüthszustände, Anschauungen, Begriffe u. s. s,welche in der Muttersprache einfach klar ausgedrückt sind, werden einem andern Volke, !welches kein einfaches Aequivalent dafür hat, gewiß nicht so klar vor die Seele treten ^können, oder anders gefärbt erscheinen, vielleicht kommt das Betreffende bei diesemVolke gar nicht vor, wenigstens nicht in dieser Ausfassungsweise. Deutlich sehen wirdas an der Vergleichung der alten Sprachen mit den modernen. Die antike Natur-und Weltansicht, die Begriffe der Alten vom Göttlichen und Menschlichen sind inWorten lebendig, die wir in unseren Sprachen nicht gleichbedeutend haben und nicktrecht verstehen würden, sondern erst in der ihrigen in ihrem Geiste erkennen. Dieneuern Sprachen stehen sich wohl im ganzen näher, und das rührt von der Solidaritätder Bildung des modernen Europa's her. lind doch ist der tief greifende Unterschiedder Nationalität vollkommen wohl in den Sprachen erhalten., Gleich das WortGemüth" ist nur deutsch, und kann so wenig wie das äußerlich davon abgeleitete,aber etwas ganz apartes bezeichnendeGemüthlichkeit,"gemüthlich" von einer ander«Sprache ausgesprochen werden. So wird auch z. B. ein Franzose die WorteWeh-muth,"Schwärmerei,"Sehnsucht,"Seligkeit" nicht wiedcrgeben können. Sogardie Wörter der Muttersprache selbst sind oft nicht absolut begrenzt in Sinn und Be-deutung, so daß sie für sich einem bestimmten Innern entsprächen, sie erhalten erst inder Verbindung, im Satze ihre individuell bestimmte Beziehung und haben außerdemeine vieldeutige, oft höchst elastische und manchfache Anwendung. Einzclausdrücke, wieLust, Trauer, Sorge, Schmerz, Behagen, Glück machen das anschaulich. Nun, unddas lernen wir in der Muttersprache nicht erst hinterher, als aufgezählte Be-deutungen eines und desselben Worts, sondern unmittelbar, von Anfang an nach undnach durch die Erfahrung.

Denn wir lernen als Kinder überhaupt ja weder bloße Laute, noch lernen wirVocabeln, sondern schon das Kind hört immer Sätze, individualisirte Spracherzeug-nisse, lebendige Beispiele. Der Unterschied des Empfangens der Muttersprache, unddes schulmäßigen Erlernens einer leidigen fremden Sprache mit declinirbaren nnd con-jugirbaren Vocabeln ist außerordentlich groß, aber öfters sehr verkannt worden. DilMenschen überkommen ihre Muttersprache ganz parallel mit der eigenen geistigen Ent-wicklung überhaupt; sie erhalten den Sprachschatz nach und nach durch Ueberlieferung, :und verhalten sich dabei meistens rein receptiv; denn eine schöpferische Fortbildung derSprache ist nur gereiften und auserwählten Geistern möglich. Bei weitem die Mehr-zahl der Menschen gebraucht einfach, gleichsam nachahmend, immer die Formen undWendungen, welche ihnen am geläufigsten geworden sind, weil sie ihrem innern Leben,das mit diesen Ausdrücken erwachsen ist und an ihnen sich herangebildet hat, ganz ent-sprechen, und vollkommen ausreichend sich erweisen. Es ist das Leben der Nationselbst, was in der Muttersprache pulsirt. Daher das Sprachgefühl für das Ge-bräuchliche, dem Genius der Sprache Angemessene und in derselben Mögliche, !welches mit der Muttersprache naturwüchsig erwächst, während es bei fremden Sprachenvielleicht niemals ganz vollkommen erworben werden kann.

Es liegt auf der Hand, daß für die allermeisten Deutschen die Muttersprache ihre !Mundart ist. Weil aber diese Mundarten deutsche Mundarten sind, so ist dennauch aller Muttersprache die deutsche. Durch sie, und nicht schon durch die Erzeugungvon Deutschen oder durch die Geburt in Deutschland wird mau zum Deutschen, wieim besondern zum Niedersachsen oder Obersachsen, Thüringer oder Westfalen, Pfälzeroder Schwaben, oder Bayern und Oesterreicher.*) Wir dürfen uns wohl erlauben, -

*) Durch die Erzeugung wird man nur der Anlage nach ein Deutscher, aber in der Thatwird man es erst durch das Leben mit Deutschen, mit den Eltern, in der Familie, im Volle,