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2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
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Muttersprache.

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können. Wie sich der Sinn der Sprache erweitert, so der Sinn des Volkes. Daherdie hohe cnlturgeschichtliche Bedeutung der Redner, Schriftsteller, und besonders derDichter, welche ihre Muttersprache mit neuen Wendungen, Symbolen und Bildernbereichern, die eine lebendigere, klarere, vielseitigere Darstellung und Ausprägung innererVorgänge vermitteln. Sie bilden offenbar 'das innere Leben des Volkes selbst fort,sie sind die Propheten eines geistigen Fortschritts. Und somit wäre auch von dieserSeite her der innige Zusammenhang zwischen Sprache und Volksthümlichkeit nach-gewicsen. In der Muttersprache lebt die Nation; mit dem Aufgeben der Mutter-sprache erstirbt die Nationalität.

Kehren wir aber vorerst zu unserm Ausgangsstandpunct zurück, zu der Mutter,welche zu ihrem Kinde redet, und auf seine ersten Worte hoffend lauscht. Der kosendenRede der Mutter, ihren S>chmeichelnamen, ihrem Liedchen horcht das Kind immeraufmerksamer, es sängt an seinen Blick auf ihr Gesicht, auf ihren Mund zu heften,endlich, endlich hebt es an zu sprechen, und merkwürdig genug sagt es m derRegel zuerst einen Mutternamen, Mam, Mama u. dgl. Der verständige Beobachterweiß wohl, daß jene ersten Articulationen eben als Namen für die Mutter gedeutetwurden, und darum in den Sprachen fast durchaus das Wort für Mutter ein Mhat; allein der ganze Vorgang ist im kleinen und äußerlich doch ein Beispiel für dasoben dargestellte Verhältnis im allgemeinen. Mit dem ersten Wort ist nun dasSprechenlerncn angcfangen, und damit beginnt ein höchst bedeutsamer Abschnitt imLeben des Kindes; es tritt aus seiner Einsamkeit heraus, es spricht sich aus und wirddadurch immer Heller, reicher an Erkenntnis und Rede. Freilich aber hat alles seineZeit, auch dieses Aufblühen des Bewußtseins. Erst wenn die Eindrücke der Sinneim Kind zu Vorstellungen werden, entsteht in ihm das Bedürfnis zu sprechen. Wenndas Wort im Innern gereist ist, dann wird es ausgesprochen, sagt v. Raumer,denn das Kind ist kein organisirtes Echo, welches zurückgiebt, was man hineinredet.Die Arbeit des kleinen Menschen bei diesem Geschäft ist eine zwiefache, neben dergeistigen eine leibliche, technische. Die letztere besteht in der Uebung der Sprachorgane,und daran haben die Kinder eine Art von Turnfreude, sie sprechen um zu sprechen,und wiederholen mit Lust ein Wort, ein Sätzchen viele Male hintereinander. WenigeKinder aber werden sein, denen nicht ein Lied, ein lieblicher Gesang der Mutter oder desKindermädchens unendlich viel werth wäre: er greift ihnen zauberisch an das kleine Herz.Wie sehr überhaupt nicht sowohl Verstand und Bewußtsein, sondern vielmehr dasGemüth, die Grundlage aller seelischen Erregung, hier betheiligt ist, das beweist derUmstand, daß Reim und Rhythmus so mächtigen Eindruck macht und so großen Bei-fall findet, auch wenn er den barsten Unsinn leiert.

Mit Recht wird man sagen müßen, daß vor allem die Gemüthsbildung es ist,welche durch die Muttersprache bedingt wird, und auf ihr beruht. Da mit der zu-nehmenden Kraft und Kenntnis der Sprache in geradem Verhältnis die Klarheit überdie eigenen, und auch über die fremden Zustände zunimmt und mit der Fähigkeit, sichselbst und andere zu verstehen, ebenso die Fähigkeit der Theilnahme an andern und desVerkehrs mit ihnen zunehmen muß, so ist durch die.Sprache auch für die nächstenJahre der Entwicklungsgang des geistigen Lebens überhaupt vorgezeichnet: alle Ge-fühls- und Willensbildung, alle sittlichen und intellcctuellen Werthnrtheile, seinen ganzengemächlichen und ethischen und ästhetischen Standpunct eignet sich der HeranwachsendeMensch vermittelst dieses Vehikels an; der Einzelne aber erlangt naturgemäß nurmittelst der Muttersprache folgerecht auch die nationalen Gemüths- und Charakter-eigenschaften seines Volks, wie wir dies von einer andern Seite her schon oben er-kannten, und am Ende ebendamit auch die Formen des geselligen Umgangs, wie siesich unter seinen Volksgenossen entwickelt haben.

Man hat die einzelnen Erscheinungen und Thatsachen auf sinnvolle Weise weiterzu deuten versucht. Zuerst ist es allerdings schon der Laut und Klang, das Ver-hältnis der vocalischen und consonantischen Bestandthcile, was in jeder Sprache aufeme eigenthümliche und schlechterdings unbeschreibliche Weise das Gemüth ergreift, wiedenn das Ohr unter allen Sinnen am unmittelbarsten den Weg zum Gemüth öffnet,zumal für die menschliche Stimme. In das Detail einzugehen, ist, wie bei allenPhonetischen Fragen, eben wegen der Unbeschreiblichkeit der Eindrücke und Wirkungen,