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2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
119
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gewähren, und der dann doch, weil er selbst die Kunst nicht ausübt, auch von ihrenMeisterwerken mehr nur einen allgemeinen, unbestimmten Eindruck erhält, oder wenigstensdas, was er warnimmt und empfindet, nicht auf den entsprechenden Ausdruck, also auchnicht zum klaren, befriedigenden Bewußtsein bringen kann! Und welch ein bedeutendesMoment fehlt der Geselligkeit, wenn die geselligste aller Künste entbehrt wird! Aberwir begnügen uns nicht, bloß das Zugeständnis zu erlangen, daß die Musik ein an-ständiger und unschädlicher Zeitvertreib sei: wir fordern die Anerkennung, daß dieMusik als Kunst sich an Bildungswerth der Wissenschaft an die Seite stelle, daß sicsich zum geistigen Leben nicht nur wie eine Pause, wie ein Brettspiel oder ein Vesper-brot verbellte, sondern daß sie dem geistigen Leben selbst angehöre und demselben nichtzu verachtende Zuflüsse, also auch eine reelle Stärkung und Hebung gewähre. Einunmusikalischer Mensch wird freilich nicht begreifen, daß wir behaupten können, an einerMelodie, an einem Zusammenspiel haben wir eine gestrige Nahrung; und doch ist deinso. Einmal formell: denn im Bau jedes guten Tonstücks ist logische und rhetorischeGesetzmäßigkeit. Aber zweitens auch materiell: denn jede Melodie, d. h. jede Toureihc,die ein musikalisch Schönes, ein Tonbild darstcllt, und die als solches demjenigen ent-spricht, was man im Gebiet der L-prache einen Satz nennt, ist ein Gedanke, zwarnicht ein logischer, sondern ein musikalischer, aber nichtsdestoweniger ein Gedanke, indem der Geist ein Mornent seines Lebens zum Ausdrucke bringt. Der Musiker schautdiesen Gedanken an, er ist geistig thätig in diesem Anschauen, er beobachtet aber weiterdarin die Gesetze der Tonwelt, die Wirkungen von gleichzeitigen oder successiven Ton-verbindungen (Harmonie und Melodie, Instrumentation, Accompagnement u. s. w.),er sinnt darüber, und kommt hiedurch, wie zu neuen Erkenntnissen, so zu erweiterterBeherrschung der Tonkräfte durch den ordnenden und mittelst der Phantasie schaffendenGeist. Der musikalische Gedanke drückt sich zwar nicht in Worten aus, macht auch nichtirgend eine dein Universum, der Geschichte, der Natur bereits angehörige Realität zumGegenstand der Erkenntnis und Betrachtung, aber was er enthält und giebt, ist dennochein Reales, ncmlich das Schöne in einer ganz concreten Gestalt. Der wissenschaftlicheGedanke kann sich ein räumlich und zeitlich fernes Object gegenwärtig machen, dermusikalische braucht nicht Raum und Zeit zu überschreiten, er giebt sein Object, dasSchöne, unmittelbar zu schauen und zu genießen. Aber das intuitive Erkennen stehtbekanntlich höher als das discursive; nun, solch ein intuitives Erkennen ist das An-schauen des musikalisch Schönen. Und diese Intuition der reinen Schönheit, das Schauendes Idealen in sinnlicher Gestaltung, ist dem Mcnschengcist ein Analogon dessen, waswir Seligkeit nennen. Darin liegt der Nexus zwischen Musik und Religion; dieIdealität, durch welche die letztere den Menschen über die Welt erhebt, kommt auchjener ihrem innersten Wesen nach zu; das wonnige Schweigen, das die Musik in dem-jenigen bewirkt, der Ohren hat zu hören, ist psychologisch ein ähnliches Verhaltenwie das, was wir Andacht nennen; darum verbinden sich beide so sehr leicht, indemdie Religion derjenigen Idealität, die die Musik vertritt, einen bestimmten realen Ge-dankeninhalt beifügt, dessen Realität selbst wieder einer höheren, idealen Welt angehört,also um so mehr die Musik !ils seinen symbolischen Ausdruck zu gebrauchen fähig ist.

Wohl kann in einem Individuum die musikalische Fähigkeit hoch gesteigert sein,ohne daß der übrige Mensch in intellectueller oder moralischer Beziehung sich über eineniedere Stufe erhoben hätte; aber ganz ebenso kann einer ein Monstrum von Gelehr-samkeit sein, und ist doch in andern Dingen bornirt oder in sittlicher Hinsicht gemein.Mit der Sittlichkeit, in der zuletzt alle Bildung culminirt, steht die Kunst nichtin dem Verhältnis, daß sie dieselbe ersetzen, oder sie von sich aus Herstellen könnte,sondern umgekehrt, der wahre Betrieb der Kunst setzt schon einen sittlichen Kern, einesittliche Kraft voraus, ohne welche nicht nur die eben bezeichnte Einseitigkeit Bil-dung in Einem Stück neben Roheit in allen übrigen die Folge wäre, sondern auchmeist die Kunstbildung selber zu keinem erfreulichen Resultate gelangte. Sittlich isterstens der Ernst, mit welchem sich der Musikschüler zu seinem Ueben und Lernen her-geben muß. Sittlich ist zweitens die Pietät, die der Lehrling in der Kunst gegen dieMeister derselben haben muß. Sittlich ist ferner die Unterordnung des Einzelnenunter das Ganze, die ein musikalisches Zusammenspiel von jedem Mitwirkenden fordert.Auch derjenige, der als Solosänger oder Solospieler etwas zu leisten im Stande ist,