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Musik.
baß mit den althergebrachten Redensarten, womit die Kunst legitimirt werden soll, ^ihre Stellung in der Erziehung noch nicht gesichert ist, so daß sich die Erziehungs-wissenschaft einer genaueren Untersuchung der Sache nicht entziehen darf.
Wenn wir, als vom andern Extrem, von einer Uebcrschähung sprechen, so habenwir es hier mit denjenigen Lobrednern der Musik zu thun, die ihr eine unmittelbarfördernde Wirkung auf die Sittlichkeit zuschreiben, überhaupt ihre Wirkung über dasrein ästhetische Gebiet mehr oder weniger weit ausdehnen. Man beruft sich hiefür ibesonders gerne auf die alten Griechen, die sogar bestimmte sittliche und gemächlicheWirkungen von jeder einzelnen Tonart aussagten. Welchem Tondichter in unsere»Jahrhunderten käme es aber in den Sinn, erst zu fragen, ob die Moral gegen dieseoder jene Tonart nichts einzuwcnden habe? So ist es für unsere Kenntnis und Aus-übung der Kunst gleichfalls eine pure Träumerei, wcnu jemand noch mit Plato undPythagoras die Blasinstrumente für sittengefährlicher hält, als die Saiteninstrumente;ein Geigcnquartett ist allerdings eine edlere Musikgattung, als Militär- und Jam-tscharenmusik, aber das ist ein rein ästhetischer Unterschied; einen sittlichen Einfluß hatweder die eine noch die andere. Merkwürdig aber ist allerdings die hohe Meinung,die die alten Völker, und namentlich die Pädagogen, von der versittlichenden (und darumauch andererseits von der entsittlichenden) Wirkung der Musik gehabt haben. Aberwenn auf einen Menschen die Musik nicht so wirkt, wie die Anschauung alles wahr-haft Schönen auf den empfänglichen und gebildeten Menschen wirken muß, daß er .nämlich stille wird und das Schöne als eine beseligende Kraft, als eine geistige Er-quickung tief im Innern genießt; wenn er vielmehr davon irgendwie erregt wird, sodaß er z. B. mit den Beinen wie unwillkürlich, ihr folgen — tanzen oder marschirc» Imuß: so ist das der Beweis, daß (wie dies Hanslik in seiner Schrift über dasmusikalisch Schöne gezeigt hat) die Musik noch rein elemcntarisch, als pure Erschüt-terung auf seine Nerven und Muskeln wirkt. Diese Wirkung haben die alten Grieche»bei ihrer feinen Sinnlichkeit sehr stark empfunden; auf sie ist auch alles, was sie vmihrer Musik rühmen, zu rcducircn. Und statt daß man darin einen uns verlöre»gegangenen Vorzug sehen will, sollte man vielmehr erkennen, daß das gerade ein Zeichenniederer musikalischer Bildung ist. — Wir thun also wohl am besten, wenn es sichum Bestimmung der Musikwirkung, also auch um den pädagogischen Werth der Ton-kunst handelt, uns nach den Griechen weder zu sehnen noch irgend umzusehen, so»- !dern die Musik, wie sie erst als christliche Kunst wahrhaft existirt, selbst ins Auge !zu fassen. ^
Es ist schon in dem Art. „Kunst" gezeigt, daß dieselbe im eigentlichen Sinn nichtein Erziehungsmittel genannt werden könne, weil überhaupt die Kunst nicht Mittel füreinen andern Zweck, sondern Selbstzweck, ein Höhcpunct des Lebens ist. So könne»wir auch von der Musik in erster Linie nicht sagen, sie soll getrieben werden, damitdie Erziehung besser gelinge, sondern der Zögling soll auch für die Kunst erzogen werde»,die Erziehung also vielmehr ein Mittel für sie sein. Denn die Musik ist ein werth-voller Besitz, ein geistiges Gemeingut der gebildeten Menschheit; soll sie nicht uickr-gehen, so mäßen Leute da sein, die sie frisch und lebendig erhalten; daran allein ent-zündet sich auch immer wieder das neue Talent und bildet sich zu neuer künstlerischerSchöpfung aus. — Indessen würde mit Obigem die pädagogische Frage noch wenigerledigt sein, wenn nicht als zweites Moment hervorzuheben wäre, daß, indem der Zög-ling für die Kunst gebildet wird, eben damit ihm selbst ein hohes geistiges Gut zu-nächst, das dem allgemeiner: Zweck der Erziehung nicht nur nicht fremd ist, sonder»sich als lebendiges Glied in das Ganze der Bildung einfügt. Selbst wenn die Musikgar nichts wäre, als eine angenehme Unterhaltung, — nach Aristoteles Bezeichnung„eine schöne Art, müßig zu sein," wäre sie schon von hohem Werthe. Es giebt somanches andere, womit junge und alte Thoren ihre freie Zeit ausfüllen, was nicht„eine schöne Art, müßig zu sein" genannt werden kann. Aber nicht bloß als unschäd- !liches Präservativ vor Schädlichem, sondern schon an sich als edler Genuß, als ei» Ireicher Schmuck des armen Lebens muß die Tonkunst hoch angeschlagen werden. ll»dwie viel hat ein Mensch, der sich selbst jeden Augenblick Mnsik machen kann, vorausvor demjenigen, der wohl für die Kunst einen nicht unempfänglichen Sinn hat,aber immer davon abhängig ist, ob andere vorhanden sind, die ihm solchen Genuß