Mundart.
115
andern Dialekten ähnlich, und den Süddeutschen überhaupt klingt die Sprache der Nord-deutschen insgemein besonders fein und edel. Auch bei gebildeten Schweizern thut uns dieKlarheit und bestimmte Kraft des Ausdrucks wahrhaft wohl. So ketzerisch diese Be-hauptung scheinen mag, es bleibt dabei, daß jeder Stamm am andern sich erfreuensoll, ja von ihm soll lernen können, und fern bleibe die enge Ansicht, daß edles Hoch-deutsch sich nur denken lasse, wo den Mundarten alles Recht genommen ist.
Verbannt sei also vor allem die Sprachkünstelei und das sonderbare Vorurthcil,daß man einem gebildeten Mann nicht anhörcn solle, aus welchem Theile Deutsch-lands er gebürtig sei. Es giebt naturgemäß nun einmal in dem redenden Deutschlandnur Mundarten, und wir werden stets etwas davon in die allen gemeinsame höhereVortrags- und Umgangssprache hineintragen, welche der Schriftsprache entspricht. Esist dies eine wirkliche Eigenthümlichkcit der deutschen Nationalität, welche bis jetztnoch weder eine akademische Orthographie, noch eine ähnlich festgcstellte Aussprachebesitzt. In den einzelnen Stammesmnndarten geht die Differenzirnng wieder so weit,daß ein gehörig mit dem Dialekt Vertrauter sogar die Bewohner ganz nahe benach-barter Dörfer in der gleichen Provinz an gewißen Eigenheiten der Betonung undAussprache ohne Schwierigkeit erkennt.
So wcrth uns nun aber auch die Mundart sein mag, so hat doch die Sachenoch eine andere Seite. Wer sich vom Reiz seines Dialekts so hinreißcn läßt, daßer vermeint, ihn wie eine seiner Heimat eigene Schrift- und höhere Umgangsspracheohne weiteres brauchen zu dürfen, der versündigt sich an seiner Mutter, der deutschenNation, indem er das wesentlichste sie umschlingende lebendige Band zu zerreißen ver-sucht. Poetische und prosaische Schriften im Volksdialekt, wenn echt volkstümlich,sind natürlich nicht bloß berechtigt, sondern nach dem oben Ausgeführten selbst einGewinn für die Gesammtsprache; nur müßcn sie immer die Darlegung des mundart-lichen Wesens, der localen Anschauungs- und AuSdruckswcise zum Zwecke haben.Nicht aber soll die mundartliche Sprache als Mittel der Mittheilung schlechthin unf-reien wollen. Dieses Recht steht nur der einen allgemeinen hochdeutschen Schrift-sprache zu. Richtig und klar erkannte das bereits Luther, seinem Takte verdankenir jene unschätzbare Wohlthat, die uns kein Querkopf mehr rauben kann. Schonmi gewöhnlichen Leben ist es zu bemerken, daß nur der Stolz dabei bleibt, den Dia-ckt mit absichtlich gesuchter, oder mit roh natürlicher Breite recht derb klingen zuassen. Bei uns gewöhnlichen Menschen geht mit der Bildung, auch schon in ihrenlnfängen, eine gewähltere, feinere, allgemeinere deutsche Sprechweise Hand in Hand;. uch bei dem Niederen inr Volke ist es so, und viel zu erkennen aus der Art, wie erseine Mundart spricht, und sie zu heben versucht, sowie umgekehrt manches gefolgert»werden kann aus der Mauier, wie der echte und der unechte Volksmann zum Volkeredet. Es ist ein Unterschied zwischen Jeremias Gotthclf und irgend einem Dema-ozen! Auch mancher Kalendermann hat dem rheinländischcn Hausfreund nur abge-uckt, wie er sich räuspert und wie er spuckt.
Es giebt einen Hausgebrauch, innerhalb dessen man im vertraulichen und ge-mithlichen Verkehr die Mundart spricht, ungekünstelt und ohne ängstliche Sorge. Aberic selbst das bequeme Hausgewand reinlich und anständig sein soll, so auch dieNundart. Was an sich kräftig, frisch und naiv schön sein kann, hört auf es zu sein,um man den Gegensatz gebildeter Lebensform fühlt; und ohne Zweifel giebt esMe, wo die Mundart mit der Reinheit der Sprackformen, mit Wohllaut und Ge-bäck in Collision kommt und geradezu gemein wird. Dieser Misklang ist zucbm. Vor den Kindern ist in diesem Punct sonderliche Achtsamkeit geboten, da siegemeines mit ihrem empfänglichen Sinn so leicht aufnehmen und"davei ebenso leichtm Gefühl davon haben, daß der, von welchem sie es lernen, sich gemein macht. —c- ist allerdings nicht zu leugnen, daß aus dieser Ausgleichung und Vermittlungmc gemischte Sprechweise hervorgeht, zwischen dem reinen Dialekt und der Schrift-liche. Sie ist nun einmal nicht zu vermeiden; wie sie gehandhabt wird, daraufcmmt es an, und hier eben ist es, wo das Regelmachen seine Grenze hat; der einew'e der Herr Hampelmann so schön sagt, „en Lcipzgcr Lattich uf e Frankforterm Nieb proppe", der andere von einem veredelten Wildlinge Früchte ernten, derenust an den Wald erinnert; kurz, der Gebildete wird ohne Afsectation die Härten