22
Mädchenerziel,ung.
dem Weibe im Unterschiede von dem Manne hauptsächlich eine allgemeine Bildung.Die allgemeine Bildung aber ist durchaus nicht eine zufällig aufgehäufte Dummefragmentarischer Kenntnisse, ebensowenig ist sie eine Erkenntnis der Principien desWissens, oder die geistige Bcherrsckung eines Wissensgebietes in der systematisch geord-neten Vollständigkeit seines Inhaltes und Umfanges; sie besteht vielmehr in derklaren Auffassung derjenigen leitenden Ideen und Gesetze, welche inden verschiedenen Wissensgebieten zur Erscheinung kommen. Freilich können diese Gesetzenicht anders erkannt werden, als so, daß sie an dem Concreten, Factischen und Indi-viduellen angeschaut werden; aber es genügt, aus der Menge des concreten Materialsnur diejenigen Erscheinungen hervorzuhebcn, an denen das betreffende Gesetz sich deutlicherkennen läßt. Bon der Vollständigkeit des Inhaltes kann abgesehen werden, ja eskann das concrete Material, an welchem ein allgemeines Gesetz anschaulich gemacktund zum Verständnis gcbrackt worden ist, in seinen Einzelheiten dem Gedächtnissespäter entschwinden; für die Intelligenz ist es entscheidend, daß dieses Gesetz erkanntist, und daß mit der klaren Auffassung desselben das Interesse und Verständnis füreine Menge verwandter Erscheinungen gegeben ist. Zur Auffassung der idealen Ele-mente der einzelnen Wissenschaften ist aber auch gerade die weibliche Natur in beson-derem Grade befähigt, da die intellectuelle Potenz des Weibes weniger in der Formdes logischen Denkens, als in einer instinctiven Apperception der Dinge und ihrerVerhältnisse zu einander sich erweist. (Vergleiche was in dem Artikel „Bildung" überallseitige Bildung gesagt ist.)
Daß diese Seite und Form menschlicher Bildung die dem weiblichen Geschlechteeinzig eignende sei, darauf werden wir noch von einer andern Seite her mit Noth-wendigkeit gewiesen. Erwägen wir den physischen Unterschied der Geschlechter, sospringt sofort der Umstand in die 'Augen, daß die Bildungsperiode des weiblickenGeschlechtes gegen die des Mannes eine ungleich kürzere ist, die dazu nock durch diegewaltsameren, das Blut- und Nervcnleben oft mächtig erschütternden organischen Pro-zesse des weiblichen Lebens gestört und dadurch abgekürzt wird. Um so gewißer wirdes Aufgabe sein, dem Mädchen die Resultate der Wissenschaft nahe zu bringen, ohnesie die langen Wege, aus welchen dieselben gewonnen werden, gehen zu lassen. Unddahin drängt auch die Natur des mütterlichen Berufes, der sich in jenen organischenProzessen andeutet. Soll die Mutter die Erziehung der Kinder in einer solchen Weiseleiten, daß schon in die zarten Seelen die Keime der sittlichen und intellectucllen Bil-dung gesenkt werden, so muß eben in der Mutter selbst der ideale Inhalt alles wisscns-würdigen ein Leben gewonnen haben. Auch was die Gattin dem Gatten entgegenbringen soll an geistiger Gewecktheit und Fähigkeit, auf seine Bestrebungen einzugchen,ja sie zu ergänzen, ist eben dieses Interesse an den höheren Fragen des menschlichenDaseins überhaupt, dieses receptive Verstehen, welches dem productiven Können ent-spricht, und, weit entfernt, die Liebe der Gatten zu erkälten durch jene intellectuelleGemeinschaft, auf welche Vinct (über die Aufgabe weiblich erBildung über-setzt w. von Or. R. König S. 11) mit Reckt einen so hohen Werth legt, das Bandder Herzen nur noch reicher und dadurch inniger und wärmer und fester macht.
In solchem Sinne darf die Forderung, daß die Häuslichkeit zum Ausgangs- undZielpuncte gemacht werde, in der That die Bedeutung eines Principcs für dieseganze Seite der Erziehung in Anspruch nehmen. Wird dagegen der Begriff derHäuslichkeit in solcher Enge gefaßt, daß darunter nur die Arbeit für den Haus-halt verstanden werden soll, so wird nicht nur das Weib dem Manne gegenüber aufeine unzulässige Weise herabgesetzt, sondern auch in der Dache selbst, wie gezeigt worden,etwas unmögliches gefordert, denn auch zur tüchtigen Führung des Haushaltes gehörtBildung. Uebrigens darf nicht verkannt werden, daß unter den irrigen Ansichten überweibliche Erziehung die in Rede stehende die unschädlichste ist, der unter Umständensogar ihr Werk auf überraschende Weise gelingen kann. Wenn, wie in dem Epi-taphium jener Römerin die Summe eines Frauenlebens sich in die Worte zusammen-fassen läßt: „sie blieb zu Hause, spann und wob," so erfüllt uns das mit gerechterWehmuth; aber wir blicken mit Achtung auf ein solches Leben, welches, auch ohnedie geistige Erhebung der Bildung, doch stark genug war, die sittliche Schranke, inwelche die Natur das Weib gewiesen hat, festzuhalten.