Locke.
7
so allmählich zur Mündigkeit herauzureifen. Mit Recht hebt er in dieser Rücksicht dieWichtigkeit der ersten Kindcrjahre hervor. Statt daß die Eltern zuerst in dem unge-zügelten Eigenwillen des Kindes alle Keime des Bösen sich entwickeln lassen und dannmit Strenge zu spät und vergeblich zu erreichen suchen, was früher der consequcntenLeitung ernster Milde leicht würde gelungen sein, sollten sie vielmehr in der Zeit, dadas kindliche Gcmüth noch weich und lenksam ist, ihren Einfluß begründen, um dannden reifenden Geist mehr und mehr zu selbständiger Bewegung zu entlassen. Man» sieht, L. theoretisirt hier, was sein eigener Vater praktisch an ihm geübt hatte. Wieer ferner lieber den Diätetiken macht, der Erkrankung verhütet, als den Arzt, der dieKrankheit curirt; so empfiehlt er auch, statt bei der Bestrafung vorgekommencr Ver-gehen sich zu beruhigen, vielmehr die Noth Wendigkeit der Bestrafung zuvermeiden dadurch, daß man die Regeln, deren Erfüllung man von dem Kindeverlangt, auf die rechte Weise erthcilt, und dieses in seiner Pflichterfüllung durchUebcrwachung, Anleitung und Uebung unterstützt. „Gebt eurem Sohn so wenigRegeln, als möglich, und wenn eins sein soll, lieber zu wenig, als zu viel. Dennwenn ihr ihn mit einer Menge von Regeln belastet, so entsteht daraus von folgendenbeiden Dingen nothwendig eins: entweder ihr müßt ihn oft strafen, und die öftereWiederholung der Strafe hat schlimme Folgen, oder ihr müßt die Uebertretung dieserRegeln oft ungestraft hingehen lassen, und dadurch werden sie unbedeutend und ver-ächtlich und euer 'Ansehen wird geschwächt. Macht wenig Gesetze, aber wennsic einmal gemacht sind, so seht darauf, daß sie beobachtet werden." Unddazu ist das wirksamste Mittel das eigene gute Beispiel der Erzieher, welchessie des häufigen Strafens nicht bloß, sondern auch des häßlichen Zankens überhcbt,womit der nachlässige Erzieher eigentlich nur das eigene böse Gewissen übertäubenmöchte. Wird nun der Zögling nicht sowohl durch äußeren Zwang, als durch innereNothwcndigkcit gewöhnt, durch die Auctorität des Erziehers sich bestimmen zu lassen,so ist bei zunehmender Reife erforderlich, daß er je mehr und mehr das Gesetz, welchesihm als ein äußeres gegenübcrstand, in den eigenen Willen aufnimmt. Und dazu istdas dienliche Mittel, daß er als vernünftiger Mensch behandelt, zu selbständiger Er-wägung der Gründe seiner Pflichten angelcitet werde. Das ist das von L. empfohleneRäsonniren mit den Kindern, das also, im rechten Zusammenhang betrachtet,auch nicht so schlimm gemeint ist, wie Rousseau es auffaßte, der sich darüber lustigmachen will, daß L. den Zögling als einen vernünftigen Menschen voraussctze, wäh-rend doch das letzte Ziel der Erziehung erst sei, einen vernünftigen Menschen zu bilden;noch nimmt L. an den: Jrrthum mancher Philanthropistcn Theil, daß der Zögling,wenn er das Rechte nur erst erkannt habe, es nothwendig auch thun müßc.^
Durch eine solche Zucht wird die Natur des Kindes, welche, sich selbst überlassen,von sclbstvcrleugnender Befolgung allgemeiner Gesetze nichts weiß, unter eine höhereOrdnung gestellt, und werden die Ausbrüche ihres rohen und willkürlichen selbstsüch-tigen Gelüstes vermieden. Der plumpe Körper empfängt Gewandtheit und ingesitteter Umgebung bildet der Sinn für äußern Anstand sich aus. Die sinnlicheBegehrlichkeit verschwindet, und das Kind lernt auf das, was ihm nicht zukommt,verzichten, dafür aber das seinem Alter und seinen Kräften entsprechende Besitzthumrichtig gebrauchen. Die dem natürlichen Eigenwillen verbundene Rücksichtslosigkeit,ja Grausamkeit gegen andere weicht der Billigkeit, dem Mitgefühl. Die den meistenKindern natürliche Neugierde wird in Wissbegierde verwandelt, die Stumpfheitanderer zu lebendigem Interesse erweckt. Der Lüge wird durch zutrauensvolle Be-handlung vorgcbeugt, und durch ernste Ahndung dennoch vorkommender Unwahrheitendie Wahrhaftigkeit befördert. Der natürliche Th ätigkeits trieb des Kindes wirddurch nützliche Beschäftigung richtig geleitet, durch gehörige Abwechslung' in den Be-schäftigungen, die zugleich die beste Erholung ist, wach erhalten, und auf dasBewußtsein, daß man das Rechte will, der wahre Muth gegründet: Und bei allediesem ist die Individualität des Kindes zu berücksichtigen. „Gott hat jederMenschcnseele ein eigenthümliches Gepräge eingedrückt; es kanndaran, sowie an der Figur des Körpers, hie und da etwas anders gemodeltwerden, aber schwerlich wird ;der Stempel selbst getilgt und ein anderer an dessenStelle gesetzt werden können."