6
Locke.
abgewinnen zu können, und die Summe seiner diätetischen Vorschriften zieht er schließlichselbst in folgenden Regeln: „Freie Luft, Leib es Übung und Scklaf im ge-hörigen Maße. Einfache Diät, keinen Wein oder andere starke Ge-tränke, und wenig oder gar keine Arzneien. Nicht zu warme und zuenge Kleider; vornehmlich Kopf und Füße kalt gehalten und dieFüße fleißig zu kaltem Wasser gewöhnt und der Nässe ansgesetzt."Wenn L.'s Gesnndheitsregcln hin und wieder an die pedantische Gesundheitspflege desStaatshämorrhoidariuS oder vielmehr des alten Junggesellen erinnern, als welcher erja gestorben ist, so ist er doch zugleich Engländer genug, um auch der Uebung der Kraftund Gewandtheit des Leibes die gebührende Werthschätzung zu Theil werden zu lassen.
Bei weitem der wichtigste ist der zweite Abtchnirt. Wie dieser für die Zeit-genossen des Verfassers an: meisten neues enthielt, so enthält er auch für uns nochviel bcherzigenswerthes und manches, was noch nicht genug beherzigt ist. greine eigent-liche Absicht ist gegen die „gewöhnliche sehr kurze und bequeme Züch-tignngsmeth ode" gerichtet, welche, um den Willen des Z öglings d eindes Erziehers zu unterwerfen, kein anderes Mittel kennt, als dieRuthe, „das unschicklichste was gebraucht werden kann." Zur Unter-ordnung des natürlichen Eigenwillens des Kindes unter das höhere Gesetz sei äußer-liche Züchtigung keineswegs das geeignete Mittel, und zwar nicht bloß weil dadurchden Kindern die Pflicht, zu deren Erfüllung sie angetriebcn werden sollen, vielmehrverleidet, die Frische ihres Strebcns crtödtet und ein feiger und sklavischer Sinn mihnen erzeugt werde, sondern weil durch die körperliche Züchtigung nicht die Vernunftoder die Uebereinstimmung des Gewissens mit dem Willen Gottes, sondern gerade diesinnliche Lust oder Unlust zum Motiv der Handlung gemacht werde. Wenn manschon mit diesen Ansichten fick nur halbwegs einverstanden erklären konnte, so hatvollends daS Mittel, welches er in der Regel an die Stelle der körperlicken Züchtigunggesetzt wissen wollte, in hohem Grade Bedenken erregt. Als solches hat L. die rich-tige Benutzung der natürlichen Empfänglichkeit des Kindes für Ehre undSchande, Lob und Tadel bezeichnet, und bekanntlich hat namentlich K. v. Raumerdieses Motiv als das unkindlichste und unchristlichste bezeichnet und L.'s Ansicht mitder jesuitischen Lehre znsammengcstcllt: „Wer die Aemulation geschickt zu reizen weiß,der hat durch sie das bewährteste Hülfsmittcl im Lehramte." Man wird nun aller-dings sagen müßcn, das Motiv der Pietät gegen die Erzieher sei ein kindlicheres unddas der dankbaren Liebe zum Herrn ein christlicheres, als das der natürlichen Ehr-liebe. Allein mag immerhin L. durch den Rath, körperliche Züchtigungen lieber durchBediente erthcilen zu lassen, an die ebenso kluge als herzlose Vorsickt der GesellschaftJesu erinnern: die Art, wie er die Benutzung der natürlichen Ehrliebe empfiehlt,erscheint doch bei näherer Betrachtung keineswegs jesuitisch. Er redet nicht von lob- undlohnsüchtiger Ambition und noch weniger von eifersüchtiger und neidischer Aemulation,sondern nur von dem Trackten nach Reputation. Er hebt ausdrücklich hervor, daßdie natürliche Ehrliebe der Kinder nicht ohne Rücksicht auf die intcllectuelle rind mora-lische Beschaffenheit desjenigen auszubildcn sei, von welchem die Ehrerweisung ausgeht,und daß z. B. durch Liebkosungen und Schmeicheleien tbörichter und schlechter Dienst-boten der heilsame Eindruck des züchtigenden elterlichen Ernstes leicht wieder vernichtetwerde. Er gesteht sogar zu, daß das Bestimmtwerden des Kindes durch Beifall undMisfallcn seiner Erzieher noch nicht den vollkommen richtigen Maßstab seines Handelnsabgebe, denn dieser bestehe vielmehr in der Uebereinstimmung mit dem Willen Gottes.Wohl aber behauptet er, daß dem Zeugnisse des eigenen Bewußtseins das „Zeugnis,welches die Vernunft anderer Menschen von dem Werth und Verdienst einer Handlungablegt," nahe komme, und daher sei es „so lang ein sckicklicher Führer und eine Auf-munterung für Kinder, bis diese reif genug sind, für sich selbst zu urtheilen und Rechtund Unrecht zu unterscheiden." Und diese Grundsätze dürften doch wohl unbedenklichsein, mag auch L. in ihrer Anwendung im einzelnen manchmal zu viel künsteln.
Seine Rathschläge in Bezug ans die pädagogische Seelcnleitung beginnt L. mitder Forderung, daß der Erzieher dem Zögling eine Auctorität werde.Also keineswegs will er, daß der Erzieher sich zu dem Kinde Herabbücke, um mit diesemkindisch zu werden, sondern daß das Kind seine natürliche Abhängigkeit empfinde, um