Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Französische Sprache.

in der fremden Denk- und Ausdrucksform den Gedankenkern finde und solchem als-dann völlig und rein daraus losschälc. Hiebei dringe man darauf, daß er denSinn aus dem Texte nehme, nicht aber einen hineintrage oder es gar aufs Errathenankommen lasse. Zu dem Behufe folge man Luthers Weisung und sehe dem Textrecht ins Gesicht. Man drehe also im Nothfalle jedes Wort gleich einer Geldmünzeum und untersuche es mit dem Schüler auf sein Gepräge und seinen Werth; des-gleichen sorge man durch Construiren für das Ausschlicßen schwierigerer Satzfvrmen.Ist endlich der ganze Vorstellungsinhalt gehoben und zu klaren und genauen Be-griffen erhoben, so mag der Schüler wohl das Buch zuklappen und den Gedankcniuhaltebenso treu als frei in den ihm geläufigen deutschen sprachformcn wicdergebcn. Wievorhin gesagt, ist dies eine wahrhafte Arbeit und kein spiel und der Lehrer darf den-Schüler gar nicht schonen. Letzterer muß diese und jene Wendung und Satzformirungso lange versuchen, bis alle ungenauen Satzglieder und schiefen Satzverbindungen ge-bessert, alle nachläßigcn An- und Entlehnungen vermieden, alle holprigen Wortfolgenabgewiesen, alle Geschmacklosigkeiten völlig getilgt sind. Daß bei einem derartigenBetrieb keinerlei Nachtheile weder für geistige Bildung noch auch für die Ausbildungim Deutschen möglich sind, ist einleuchtend; im Gegenthcil, es ergiebt eine solcheBeschäftigung mit der klar und scharf gefaßten französischen Prosa eine vortrefflicheGelegenheit im unterscheidenden und cindringcnden Denken, und dazu löst sie dieZungen unserer Knaben und schult sie im präciscu und erschöpfenden deutschen Gedanken-ausdrucke; eine solche französische Exposition gestaltet sich zu einer deutschen Com-position. Ist aber auf diesem Wege eine wirklich gute deutsche Uebcrsetzung zu Standegebracht, so ist bekanntlich in ihr auch die beste Interpretation gegeben. Um so mehrerspare sich der Lehrer alles weitläufige Reden über Inhalt, grammatische und stilistischeForm, meide auch alles ästhetische Kritisircn, und schenke vielmehr die ganze Aufmerk-samkeit der nun zu vollziehenden letzten Arbeit des Schülers. Diese besteht darin, dasfranzösische Lescstück mit gutem Ausdruck vorzutragen. Thut er dies mit Hingebung undläßt er dabei spüren, wie ihm dieses Vorlcsen zur Freude sei, so ist alles wohlgerathenund eine Bürgschaft gestellt, daß er auch künftig Liebe zur guten Lectürc bewahren werde.

Tie Frage, wie viel zu lesen sei, kann hier wohl nicht im einzelnen beantwortetwerden. Einerseits muß man wünschen, daß die Schüler viel lesen, andererseits jedochruht der Hauptwerth und Hauptnachdruck darauf, daß sie viel verstehen und viel sichaneignen.

Zum Schluffe noch ein Wort über das Präpariren. Nach unserer Erfahrungwird es anfangs am besten vermieden; jedenfalls ist cs ohne passendes Schulwörter-buch nicht gut auszuführen. Bei den jüngeren Knaben ist es gemeinhin nichts

anders als die mechanische Arbeit des Blätterns und oberflächlichen Wörtersuchens.Und wenn sie schließlich die erste beste deutsche Bocabel nicderschreiben, so istder Gewinn für den Geist klein, aber die Förderung der Gedankenlosigkeit undder Zeitverlust groß. Vom Anfänger verlange inan als ganze Vorbereitung nur denEintrag der unbekannten Vocabeln und lasse die Verdeutschung in der Lehrstunde selberdazusctzen. Die Vorgerückteren erst können sich mit Nutzen präpariren und sollen auchernstlich dazu ungehalten werden, nachdem der Lehrer sie im rechten Präpariren zuvorunterwiesen hat. Das bildende, förderliche Vorarbeiten und Vorbereiten für dieLesebuchstundc, das eigene selbständige Zuvordurchforschen eines Textes ergiebt sich fürdie Schüler mit Nichten von selbst; es muß ihnen einigemal vorgezeigt werden. Daleitest du sie an, wie Satz von Satz geschieden, wie durch die feststehenden Eonstruc-tionsfragcn die Haupt- und Nebengliedcr derselben aufgefunden werden; ferner wiezu verfahren ist, um den passenden Sinn für jedes unbekannte Wort aus dem Wörter-buch oder der Grammatik zu erforschen, und zeigst, wie man nicht abläßt, bis maneinen logischen Zusammenhang und eine erträgliche Verdeutschung hergestellt hat. Kenntder Schüler aber einmal das zweckmäßige Verfahren, so ist unerläßlich, daß der Lehrerallezeit streng darob halte. Auf eine leichtsinnige oder nur zum Schein gefertigte Vor-arbeit folgt durchweg ein gedanken- und geschmackloses Uebcrsetzcn; je zweckmäßigerdagegen sich der Schüler von Anfang an präparirt, desto größer sein formaler undgeistiger Gewinn, desto näher für ihn die Zeit, wo er ohne viel Mühe sich vorbereitet,ja der Hauptsache nach stets vorbereitet ist.