Französische Sprache. 941
guten Gesellschaft, des edlen Umganges, des gewöhnlichen gebildeten Mannes ein. Eshandelt sich also nicht darum, eine Auswahl französischer Auroren nach einander vor-zuführen, auch nickt einen französischen Autor zum Mittelpunct der Lectüre zu machen;überhaupt nicht Autoren, sondern klassische Stücke mit passender Nahrung für dasJugendalter sind das, was unserer Stufe frommt; ob sic von berühmten odernnberühmtcn Schriftstellern herrührcn, ist hier Nebensache und entscheidet nichts.
Zu welchem Zwecke aber lesen wir dieses sprachlich elastische Buch? Hierübersick klar zu sein, ist von Wichtigkeit. Daher sprechen wir sogleich auf das ent-schiedenste aus, daß uns die Lectüre fürs erste nicht wegen der Grammatik da ist.Das französische Lesebuch ist uns nicht der Mittelpunct des gesummten französischenSprachunterrichts, so wenig, als es das deutsche für den deutschen Unterricht sein kann;und daher darf auch der Lehrer den Schüler hier nicht weiter mit Grammatikalienbehelligen, weder ordinären noch spitzfindigen, als eben zum sprachlichen Verständnisnöthig ist.
Die Lectüre ist ferner auch nicht da, um den Realiennnterricht in sich auf-zunehmcn, sie hat nicht einmal das etwa mitlaufcnde Nealicnmaterial in aus-giebiger Weise sachlich zu verwerthen. tzut krox emdrnsso, mul ötroint: wenn alsodie Lectüre bei der Exposition in die dargcstellten realen Verhältnisse und Zuständelebendig hineinführt und die Handlung anschaulich entwickelt, thut sie genug.
Unsere Lectüre ist endlich auch nicht da, um den Schülern Kenntnis der Literatur-geschichte zu verschaffen und einen Ueberblick über die Entwicklung der französischenDichtkunst zu geben. Diese Schullectüre hat eine andere Aufgabe. Sie verfolgteinen realen Zweck und will in französische Schriftwerke einführcn, um darin und da-durch das französische Volk in seiner geschichtlichen Entwicklung, seinem Denken, Redenund Thun kennen zu lernen; aber sie steckt sich auch ideale Ziele und nimmt ein sprach-liches Mustcrstück durch, daß der Schüler die darin niedergelegten interessanten Ge-danken verarbeite und dadurch seinen eigenen Gcisteshorizont erweitere und bereichere,daß er die Schönheit der Darstellung fasse und unverkümmert genieße und dadurchseine Phantasie belebe und läutere, und so durch beides Geist und Herz auf einehöhere Stufe der Bildung hebe. — Was hat nun der Lehrer zu thun, um dieseZwecke zu erreichen, um dem Schüler nicht bloß ein gründliches Verständnis des dar-gcbotencn Gcdankeninhälts, sondern auch ein Gefühl der schönen Erscheinungsformenzu verschaffen? Er fängt die Lesebuchstunde mit dem guten Vortrag des Musterstücksan. Er erschließt natürlich den Inhalt desselben dadurch noch nicht, wenn die Dar-stellung auch die lebendigste war. Gleichwohl übt derselbe durch seine Leistung einenanregenden Gesammtcindruck auf das Gcmüth des Schülers aus und erweckt in diesemden Wunsch, sich weiter mit dem Stücke zu beschäftigen. Das nächste, was derselbe dabeizu Tage fördert, ist eine französisch-deutsche wortgetreue Uebersetzuug. Sie hilft dieäußeren fremdsprachlichen Hüllen beseitigen und dem Gedankenkcru näher treten. Nach-dem er sodann das Wort: vsrdm stmctstur ot rsbus weiter befolgt, nachdem dassprachlich Unklare vom Lehrer aufgehellt, das sachlich Unverständene richtig gestelltworden, versteht er, was ihm vorgelesen wurde. Doch dieses Verstehen ist zunächstinehr ein inwendiges: den vollen Beweis gründlichen Verständnisses hat er erst erbracht,wenn cs ihm schließlich gelungen ist, den ganzen vorliegenden Gedankeninhalt, undnur dieseu, in richtigem und reinem Deutsch wicderzugebcn. Diese Arbeit gehört jedochentfernt nickt zu den leichten. Weil man sie aber gemeinhin für leicht hält, nimmtman sie auch durchschnittlich leicht und so geschieht es, daß in diesem Stücke erstaunlichviel gestümpert, vernachlässigt, gesündigt wird, und daß die Schüler sich für das Themameistens eine bessere Note erwerben als für die Version. Was man da und dort alsdeutsche Uebersetzuug bietet oder gelten läßt, ist oft nichts als eine rohe, lexikalische,kaum eine logische, noch weniger eine stilistische Uebung oder Leistung, völlig dazu an-gethan, die herbe Anklage zu stützen, der französische Unterricht schade dem in derMuttersprache und verderbe dem Schüler jedenfalls seinen deutschen Stil. Wieist nun beim französischen Exponircn des Genaueren zu verfahren, daß der Vor-wurf der Flachheit und Leichtfertigkeit uns nicht treffe und der Zweck der Lectüreganz erfüllt werde? Ich denke, hiezu fehlen uns die Mittel nicht. Vor allemmüßen wir den Schüler beim Uebcrsctzcn sprachlich und logisch so leiten, daß er