Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
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Französische Sprache.

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scheint es, die Zeit noch zu kurz und konnte es auch infolge von allerlei Ungunstgar nicht kommen. Denn, was das Letztere betrifft, so war doch trotz des Interesses,welches inan in immer weiteren Kreisen dem französischen Unterricht schenkte, fürs erstedas Geschlecht der lauten und der stillen Widersacher desselben noch zahlreich vorhan-den und allesammt rührig, dem jungen Baume Boden und Licht und Luft zu schmälern,und fürs andere war die Zahl der Gönner und thätigen Freunde eine kleine und auchdiesen mangelte es zu oft an Weisheit und Umsicht in dessen Behandlung und Pflege.Und hicmit ist schon ausreichend begreiflich gemacht, warum der Baun: in seiner Ent-wicklung bis heute nur langsam vorwärts kam und warum auch das Auge des wohl-meinendsten Beschauers zu dieser Stunde weder viel Kraft noch viel Schönheit anihm zu entdecken vermag.

Freilich, erst wenn unsere Blicke tiefer und ins Innere dieser vierzigjährigen Ent-wicklung eindringen, können sie den eigentlichen und wahren Grund entdecken,warum dieselbe nicht rascher von statten gieng. Der aber besteht darin, daß so langeZeit eine Hauptbedingung alles Gedeihens im Unterricht unerfüllt geblieben, daß näm-lich die geläuterte, klare Erkenntnis vom eigentlichen Wesen des neuen Unterrichts-faches fast allerorten mangelte, infolge dessen auch die richtige Erkenntnis von seinemZweck in der Schule und demgemäß endlich auch die gesunde schulmäßigc Be-handlung desselben. Diese drei im übrigen leicht erklärlichen Lücken sind es, die,wie wir sogleich finden werden, vor allem den stockenden Gang der Entwicklung ver-schulden. Die Schulwisscnschaft sowohl als die Schulmänner hatten sich vordem undbis dahin fast ausschließlich in dem altclassischcn Unterrichte bewegt. Der ncusprach-liche blieb ihnen lange fremd, ja er schien ihnen widerwärtig, besonders wenn erneue Prinzipien in die Schule einführen wollte. Daher allerlei Unlust und Fehde inden beiden pädagogischen Lagern der Elastischen und der Modernen, daher nicht seltenin jedem das Bestreben, dem von ihm aufgepflanzten Banner ausschließlich Achtungund Geltung zu verschaffen. In dem einen fristeten aber die irrtümlichen Ansichtenoder übertriebenen Befürchtungen früherer Zeit ein zähes Leben. Daher verkündete einGymnasium wieder in ärgerlichem Tone: die französische Sprache ist dennoch nur eineverderbte Abart der alten edlen Römersprache, also mit den Gymnasialstudien durchausnicht in Einklang zu bringen; ein anderes rief: weil diese neuere Sprache mit unserereigenen wesentlich gleichartig ist, so kann sie gar nicht die bildende Kraft der altenhaben, wozu also sollen wir sie treiben? hier fürchtete eine Lateinschule, daß die fran-zösischen Schriftsteller, Klassiker wie Romantiker, eben doch unsere deutsche Jugendvergiften; dort behauptete ciuc andere: wenn auch das Französische ohne schädlichenEinfluß auf die sittliche Erziehung sei, so könne es doch nimmermehr den Gymnasial-sächern ebenbürtig, d. h. eine Schule geistiger und wissenschaftlicher Zucht werden.Unter diese Rufe aus dem humanistischen Lager mischten sich die des realistischen. Hiergewahrte inan ebenfalls viel dunklen Drang und die Klarheit war nicht größer alsdort. Begehrte die eine Stimme, das Französische müßcn wir lediglich als todteSprache behandeln, ganz wie etwa das Latein, so widcrsetzte sich eine andere aufsentschiedenste und verlangte, cs dürfe nur so gelehrt und gelernt werden, wie das Kindseine Muttersprache lerne; eine dritte verkündete, in der praktischen Nützlichkeit desFranzösischen liege dessen einzige Berechtigung als Untcrrichtsgegcnstand; eine vierteendlich behauptete, man brauche diese Sprache keincnfalls geistbildcnd zu betreiben;für dieseConversationssprache der höheren Stände" können allüberall nur die rein-(richtiger gesagt, roh-) praktischen Gesichtspuncte maßgebend sein. So groß wardas Dunkel, welches über das eigentliche L>cin und Wesen des neuen Unterrichtsfachesan beiden Drten herrschte. Aber noch schlimmer war es, daß diesem Wirrsal undWiderstreit in den leitenden Grundansichten die Schulpraxis fast allenthalben aufsgenaueste entsprach. Welches Minimum von Zeit gewährte man doch in den meistenAnstalten dem Französischen, oft kaum zwei Stunden in der Woche, und welchesMaximum von ungenügenden Lehrkräften traf hier zusammen! Welche Verworrenheitoder Planlosigkeit machte an vielen Schulen die Runde durchs ganze Lerngeschäft, undwelche Mißgriffe in den Methoden geschahen von Seiten der bloß praktisch cingeschultenwie der wissenschaftlichen Lehrer dieses Faches! War es schlimmer, wenn bei vielender znerstgcnannten jahraus jahrein die geist- und gedankenlose Routine herrschte oder