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1 (1877) A - Liebe
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Französische Sprache.

den könnte, was uns fehlt und doch eine Tugend oder ein Lob ist. Wir sahen dortz. B. von jeher eine Gewandtheit im Reden und Beweglichkeit im Thun sich offen-baren, einen feinen, die Sinne bestechenden Geschmack, das Talent anmuthigcr Form-behandlung und Tarstellungskunst und zwar in allen Stoffen und auf allen Gebieten,sogar in dem der wissenschaftlichen wie der schönen Literatur. Wie ganz Europa gabenauch wir uns dem unwiderstehlichen Reize meistens gefangen und strebten darnach, mitAneignung dieser Vorzüge, bei gehöriger Vorsicht, eine heilsame Ergänzung unsereseigenen Wesens zu erzielen. Dies die Gründe, welche die französische Sprache, dasMittel zum äußeren und geistigen internationalen Verkehr, bei uns immer wieder inAufnahme und in die Schule brachten. Und dem Letzteren konnten endlich auch dieMänner der ausgesprochensten nationalen Gesinnung ruhiger Zusehen. Hatte man dochbei reiflicherer Erwägung an manchen Orten schon die tröstliche Erfahrung gemacht,daß der französische Unterricht an sich durchaus nicht die bösen Folgen für unsereJugend haben müße, vor welchen den Patrioten und patriotischen Schulmännern sobange gewesen war. Man konnte sehen, daß mit französischer Grammatik und Schul-lectüre nicht auch der Geist leichtfertiger Anschauungsweise und frivoler Willensrichtungin das Jugendgcmüth, und durch das französische Studium nicht ein Gift in dengesunden Körper des deutschen Bürgerthums cinziehen müße. Aber auch der Blick ausunsere Lateinschulen und deren Wirksamkeit hatte die nationalen Bedenken beschwich-tigt. Trieben diese doch die altclassischcn Studien eifrig und im ausgedehntesten Maße,und gleichwohl waren bis zur Stunde weder Römer noch Griechen daraus hervor-gegangen. Warum also befürchten, daß der so bescheidene Umfang französischer Studieneine fremdartige Geistesrichtung und undcutsche Gesinnung erzeugen und so unseremnationalen Bestände zur Gefahr werden müße? — Aber auch der Schrecken vor einergrundstürzenden Umgestaltung unseres gesammtcn deutschen Untcrrichtswcsens war mehrund mehr an: Verschwinden. Statt dessen stellte sich das Bestreben ein, der nirgendsmehr zu umgehenden französischen Schulsrage gründlich ins Angesicht zu schauen. Eskam zu umfassenderem Untersuchen und ruhigerem Prüfen, von da zum gerechteren Beur-lheilcn und zuletzt zu einer richtigeren Schätzung des Objects an sich und dessen, wasdie Schule damit erreichen sollte. So erkannten nun in den vierziger Jahren dieMehrzahl der Schulmänner und Schulleitungen, und damit stimmten die Familien- unddie Geschäftskreise überein, daß es sich beim Französischen um eine Mitgabe fürsLeben handle, die von niemand mehr entbehrt werden könne, der heutigen Tages zuden Gebildeten gezählt werden wolle. Es sei ein nothwendiges Ausrüstungsstück jeden-falls für die gebildeten Berussclasscn, insonderheit für die künftigen Spitzen der In-dustrie und des Handels, nicht minder in dem westlichen Deutschland für die nochzahlreicheren einstigen Mitglieder des Kleingewerbs und Kleinhandels; ja für letzterebeinahe noch ein dringenderes Erfordernis als für erstere, weil sic cbensalls eine gründ-lichere Schulbildung brauchen und doch weder Zeit noch Mittel noch Neigung haben,noch in Bildungsverhältnissen stehen, wie sie erforderlich sind, wenn inan die elastischenStudien mit Nutzen betreiben will.

Diese Erkenntnis von der Nothwendigkeit des französischen Schul-unterrichts und von dessen unerläßlicher organischer Einfügung in unsere Mittel-schulanstalten war ein entscheidender Erfolg. In ihm war eine sichere Grundlage fürweitere geregelte Entwicklung gegeben und auf diesem Fundamente errichteten im viertenund fünften Jahrzehent die Realanstalten, Gewerbeschulen u. s. w. der meisten deutschenLänder die Organisation des neuen Schulfachs, und damit konnte mau die französischeLchulfrage, wenigstens nach der Seite der äußeren Existenz hin, als gelöst betrachten.Von dieser Zeit an bis zur Gegenwart ist auch nirgends weder eine Zurückstellungnoch eine Eindämmung des fremdnationalen Schulfachs und Bildungselements mehrerfolgt, im Gcgenthcil noch manches für seinen äußeren Bestand geschehen. Wenn soheute auf eine vierzigjährige Geschichte des französischen Unterrichts in vielen Gym-nasien und eine mehr als dreißigjährige in unfern Realanstaltcn zurückgeblickt werdenkann, liegt wohl gewiß auch die Frage nahe: Was ist in dieser Zeit aus dem Fachegeworden? Steht es in den Schulen jetzt als ein stattlicher Baum da, mit hohemWipfel und kräftigem Astwerk? Leider wird uns nirgends im gesummten deutschenUnterrichtswesen dieser ersrculichc Anblick zuthcil. Zu einem solchen Wachsthum war,