Französische Sprache.
913
leichtfertig wie diese französische!" hieß es im Munde ernster deutscher Männer; „wermisachtet so sehr wie sie alles Ehrwürdige und Heilige! wer neigt so zu kecker Revo-lution und staatlichem Umsturz!" Und wie die ganze Nation wenig taugt, fuhren dieFreunde idealer Bildung und deutscher Erziehung fort, so hat auch ihre Sprache,als der geistige Abdruck ihres Gesammtwesens, wenig Tugend. Ist denn das Fran-zösische von Hause aus etwas anderes als ein zerrüttetes, ein verdorbenes Latein? Istdie französische Prosa mehr als eine schöne Phrase? entbehrt sie nicht bei aller „Politesseder Wendungen" der Wahrheit der Empfindung? Und wie schmerzlich haben vollendsihre Dichter uns das classische Alterthnm gefälscht! Warum also zu den Franzosenin die Schule gehen? warum französisch treiben? Oder soll etwa die Spracheund die Literatur „der Galanterie und der Courtoisie" die Bedürfnisse des deutschenGeistes und Gemüths befriedigen? Unmöglich, und so.oft wirs auch seither denFranzosen nachgemacht in Witz und Geschmack, so wars zuktz unsrem Verderben. Sowerden uns auch ins künftige die französischen Studien wenig Segen bringen." Diesepatriotischen Stimmen der neunziger Jahre verhallten nicht wirkungslos; ihre Rusewarnten nicht vergeblich vor dem einflußreichen Wesen des Nachbars, vor seiner Spracheund Literatur. Sie weckten bei allen gebildeten Deutschen das eingeschlafene nationaleGefühl, so daß wir uns selber wieder fanden und allerlei verachtenswerthe und ver-derbliche Nachäfferei französischen Wesens und Unwesens ablegten oder wenigstens mitErnst abzulegcn suchten. Besonders auch gegen die beschämende Begünstigung derfranzösischen Conversation an den Höfen und in den Kreisen der Adeligen kehrteman sich, und es war nur folgerichtig gehandelt, daß man auch den Unterricht imFranzösischen tilgte, wenn er etwa da oder dort in den Schulanstalten getrieben wor-den war.
Diese strengpatriotische, fast teutonische Strömung hielt indes nicht sehr langean; schon noch einem Jahrzehent oder wenig mehr, zur Zeit der eigentlichen Gewalt-herrschaft Napoleons über Deutschland schlug sie theilweise ins Gegentheil um, erschienwenigstens wieder im Leben und in der Schule.
Nach unfern erhebenden Freiheitskriegen allerdings wurde das fran-zösische Wesen mitsammt dem Studium der Sprache aufs neue geächtet; jenes als einGift für unsere sittlichen Grundsätze und die ganze gesunde nationale Bildung, diesesals ein schnöder Abfall von der altclassischcn Geistcscultur und von allen idealen In-teressen. — Diese zweite Verbannung war von etwas längerer Dauer. Gleichwohltrachtete man schon 1823, trotz Kohlrausch und Beneke, dem Unterricht im Französischenwiederum eine Thüre zu öffnen, und der Mann, der das wollte, war Spilleke inBerlin. Was trieb ihn dazu? Der Schulmann bekannte, das Französische sei „mitunseren äußeren Verhältnissen zu mannigfach verwachsen." So zog im Jahr 1831 derfranzösische Unterricht in der That von neuem in unsere Lehranstalten ein, bald wurdeer an manchen Orten obligatorisch und 1834 erschien er sogar in der preußischenMaturitätsprüfungsordnung. Warum, so muß man fragen, wurde beidemal dasFranzösische doch wieder ausgenommen? War deutscherseits alle vaterländische Gesin-nung gewichen oder hatte sich französischerseits der Charakter der Sprache und derGeist der Nation gebessert? Weder das eine noch das andere; die gegebene geo-graphische Lage und die vorhandene germanische Eigenart brachtendies zu Wege. Kann sich doch kein Volk der Welt ohne Nachtheil über die mancherleiVerhältnisse und Beziehungen hinwegsetzen, welche aus seiner örtlichen Lage inmittenvon Nachbarvölkern sich nstt Nothwcndigkeit ergeben. So konnten und können auchwir Deutsche uns als Volk der vorhandenen Sachlage mit all ihren Einflüssen undEinwirkungen unmöglich entziehen. Nach derselben sind aber die Franzosen unserenächsten Nachbarn, und wenn leider auch keine „getreuen", so doch unsere „interessan-testen". Unmittelbar neben ihnen müßcn wir leben und mit ihnen führen uns seitMenschcngedenken tausenderlei Geschäfte und die vielfachsten Beziehungen zusammen.Mit ihrem Geistesleben in Kunst und Wissenschaft hat sich das unsere von jeher aufsvielfachste berührt und ihre reiche Literatur war seit Jahrhunderten ein starker Magnetfür den deutschen Geist. Dieser Verkehr vornehmlich hak in unsrem Gefühl stets tiefeEindrücke hervorgerufen, besonders aber unserer Einsicht immer wieder nahe gelegt,daß für unsere nationale Eigenart beim französischen Nachbar manches gefunden wer-Pädag. Handbuch, l. 58