Lehre» und Lernen.
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Nachahmung zur Fertigkeit gelaugt, die Sprache so wenig zu eigen wird, als dem künst-lich abgerichtetcn Vogel. Und so wird denn auch das Auswendiglernen der Wörteroder Phrasen, der Formen und Regeln einer Sprache nicht ein lernen der Sprachegenannt werden dürfen, sondern nur ein Beschaffen des Materials für ein möglichesLernen der Sprache. Da aber einmal unsere Sprache so verschiedenartige Aneignungenmit demselben Worte Lernen bezeichnet, so werden wir vorderhand zwei Arten desLernens zu unterscheiden haben, ein Lernen im weitern Sinne, welches vorzugsweise imNachahmcn besteht und die Gewöhnung zum Ziele hat; und ein Lernen im engcrnSinne, dessen Charakter die Spontaneität ausmacht, dessen Ziel das Wissen und Könnenist. Wer die Natur und die Art des Lehrens aus der Natur und Art des Lernenszu erkennen sucht, wird vorzugsweise das Lernen im engern Sinne zu betrachten haben.
Der Anfang des Lernens im engeren Sinne ist ein Empfangen, entweder vonaußen, oder durch eine in unserem Geiste selbst entstehende Regung, und dieses Empfangenselbst ist schon eine Thätigkeit des Geistes. Denn daß man vernehmen und sogar auchins Gedächtnis anfnchmen könne, ohne wirklich zu empfangen, läßt sich an solchen Aus-bildungen des Geistes erkennen, wie sie z. B. bei Blödsinnigen wargenommen werden.Auch kommen nicht bloß in der Schule, sondern sogar in der gelehrten Welt Erschei-nungen vor, welche beweisen, daß, und zwar gerade oft bei überwiegender stärke desGedächtnisses, eine geringere Gcistesthatigkeit beim Empfangen vorhanden sein könne.Ueberall aber, wo empfangen werden kann, ist die Thätigkeit, durch welche empfangenwird, entweder ein Meinen oder ein Ahnen und Fühlen, wenn wir durch uns selbst,oder ein Glauben, wenn wir von außen empfangen, und das, was wir empfangen, isteine Anschauung, ein inneres Bild, das uns in der Gestalt eines Unheils znkommt.Das Empfangen der Anschauungen aber ist nur der Anfang des Lernens, nicht dasLernen selbst. Es ist das Daß, was dem Lernenden in diesen Anschauungen znkommt;aber erst, wenn er das Weil gefaßt hat, wird er, was er empfangen, auch gelernt haben:aus dem Anscheinen wird das Einsehen geworden sein. Zwischen dem Empfangen derAnschauung und dem Gewinnen der Einsicht waltet und vermittelt die Behandlung oderdie Verarbeitung durch den Verstand. Wer gerade so meint und glaubt, wie er em-pfangen hat, von dem kann man nicht sagen, er habe gelernt, sondern man schreibt ihn:vorgefaßte oder eigensinnige Meinungen oder einen Auctoritatsglanben zu.
Der Gang des Lernens ist aber nicht der gleiche, wenn wir meinend und glau-bend, oder wenn wir ahnend und fühlend empfangen. Wo wir meinend empfangen,da geschieht die Behandlung und nach Umständen die Verarbeitung des Empfangenendurch Vergleichung der eben jetzt empfangenen Anschauung mit einem im Geiste schonvorhandenen Früheren, welches als dnrch sich selbst feststehend anerkannt ist, wie z. B.ein Axiom oder ein schon verstandener Lehrsatz für mathematische Anschauungen, alsodnrch Vergleichung mit dem schon vorhandenen Wissen oder Glauben.
Dagegen, wo wir ahnend und fühlend empfangen, ist das Frühere, an welchemwir die neue Anschauung messen, nicht ein schon Gewußtes oder Geglaubtes, sonderndiejenige unserer geistigen Kräfte, welche dem körperlichen Tastsinne analog ist, das Ge-fühl. "Ich soll mir etwa die Anschauung aneignen, „daß daS Dichten und Trachtendes menschlichen Herzens böse sei von Jugend ans". Hier soll ich nicht das lernen,daß Gott zu Noah so gesprochen habe, denn ein solches Lernen ist nur ein Nachahmenim Erinnerungsvermögen; sondern ich soll lernen, daß das Dichten und Trachten desMenschen, wie er überall und immer ist, also auch mein Dichten und Trachten, bösesei. Ich kann das nicht dnrch Vergleichung der neuen Anschauung mit dem lernen,was ich an historischen Personen oder auch an Menschen ans meiner Umgebung war-genommcn habe. Denn diese wie jene lerne ich nie so ganz kennen, daß ich Grundhätte zu sagen, ihr Dichten und Trachten sei böse von Jugend ans; und wenn einsolches Kcnnenlcrncn auch möglich wäre, so gäbe das noch keinen Grund ab, von demzahllosen Menschcngeschlcchte dasselbe anszusagen. Wenn ich die neue Anschauung miraneignen soll, so kann mir dieselbe nur dnrch Vergleichung mit der Geschichte und demZustande meines eigenen Gemüthes zur Einsicht werden, und die Einsicht erwächstselbst nur durch ein Fühlen, welches als Früheres da sein muß, wenn ich die Ver-gleichung anstellen soll. Denn wenn ich nicht fühle, daß ich böse sei, so sehe ich dasauch nicht ein; und wenn ich eS nicht an mir und in mir fühle, so verstehe ich auch