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1 (1877) A - Liebe
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Lehren und Lernen.

das über das ganze Geschlecht Ausgcsagte nicht, so daß die Möglichkeit des Lernensnnd Lchrens hier ganz davon abhängt, ob ein Gefühl gerade für die Art der An-schauungen vorhanden ist, deren eine empfangen werden M; wie die Möglichkeit, Musikzu lernen, davon abhängt, ob der Schüler musikalisches Gehör hat. Die Vergleichungführt "auch nicht zu einem eigentlichen Schlüsse, sondern unmittelbar zu einem bejahen-den oder verneinenden oder limitirendcn Urtheile; und der dritte Act dieses Lernensist nicht ein Einsehen, sondern wieder ein Fühlen. Wenn aus den Anschauungen derersten Art durch Verarbeitung Einsichten werden, so kann man den Act der Vergleichungder Anschauungen zweiter Art nur eine Behandlung derselben nennen, durch welche eingewisser Takt entsteht. Aus vielen zu Einsichten gewordenen zusammengehörigen An-schauungen erster Art wird ein Wissen, aus vielen zusammengehörigen Anschauungenzweiter Art, welche meinen Takt ausbildcn und verfeinern, wird ciir Können. Inder Schule zielt der mathematische Unterricht ans das Wissen, der Sprach- und Re-ligionsunterricht auf das Können und Wissen.

Wenn nun der erste Act des Lernens das Empfangen ist, so wird das Lehren ebendarum zuerst ein Mittheilen sein; und wenn es irrig ist, das Empfangen schon als einLernen anzuschcn, so wird es nicht minder falsch sein, zu meinen, daß das Lehren mitder Mittheilung eines geistigen Stoffes geschehen sei. Dieses ist nun auch von niemandbehauptet worden; aber viele unterrichten so, wie wenn ihre Aufgabe damit abgethanwäre, daß sie in der einen Lehrstunde mitthcilen und in der folgenden wiederholen oderdurch Fragen Gewißheit darüber zu erlangen suchen, ob der Schüler das Mitgctheiltesich gemerkt habe. Ja cS gicbt Schuleinrichtungcn, die von solchen gemacht zu seinscheinen, welche das Mittheilen als ein und dasselbe mit dem Lehren betrachten. Soist jenes Zersplittern der Unterrichtszeiten in vielerlei Lehrstunden für allerlei Fächer,woran alle unsere gelehrten und ungelehrten Schulen leiden, am Ende nur eine factischeVerkündigung derselben Ansicht, die doch keine einzige Schulbehörde öffentlich auszu-sprechen wagt. Denn die Vielheit der Fächer nöthigt zur Beschränkung der jedem ein-zelnen zukommendcn Zeit in dem Grade, daß der Lehrer sein Pensum nur durch bloßeMittheilung abzuwickcln vermag. Das ist ein von außen kommender, gewiß von red-lichen Lehrern beklagter Zwang, dessen Wirkung in der wachsenden Gleichgültigkeit derJugend gegen das Lernen zu Tage kommt. Viele Lehrer üben aber jene Meinung un-bewußt aus, ohne von außen genöthigt zu sein, z. B. diejenigen, welche ihren Geschichts-unterricht mit den: Dictiren von Paragraphen über den Begriff und den Werth derUniversalgeschichte beginnen und ihren Schülern aufgcben, zu Hause sich das zu merken,was gar nicht gemerkt werden kann, weil es nicht verstanden wird. Ein zu seiner Zeitals Prediger geschätzter Geistlicher gab den ihm bei 18 jährigen Schülern übertragenenReligionsunterricht in der Weise, daß er zweimal in der Woche auf dem Kathedersitzend Aufsätze religiösen Inhalts ablas, die er zum Behuf jenes Unterrichts gemachthatte. Die Schüler aber waren in der Religion gerade am unwissendsten. Und wenneiner vor etlichen Jahren eine neue Erziehungsanstalt für die männliche Jugend, die erstgegründet werden sollte, dadurch empfahl, daß cs seine Absicht sei, den Zöglingen lauterResultate mitzutheilen, oder wenn der Verfasser eines vielgerühmten Lehrbuchs der Ge-schichte darum die der neuesten Zeiten am ausführlichsten behandeln zu müßen glaubte,weil eben durch die Geschichte die Jugend politisch und für die Politik zu bilden sei,so haben beide mittelbar die grundfalsche Meinung ausgesprochen, daß so, wie mit-getheilt, auch gelernt werde, daß also Mittheilen Lehren sei.

Allerdings bleibt das Mitthcilen der erste Act des Lchrens, so daß man vonPestalozzi gewiß nicht sagen konnte, er lehre zeichnen, wenn er in seiner Schulstubesechzig Kinder, die weder Anleitung noch Vorlagen bekamen, sondern nur Röthcl nndTafeln, zeichnen hieß,was sie wollten", während er selbst den Kindern Sätze aus derNaturgeschichte zur Sprachübung vorsagte. Aber es muß der zweite Act des Lernensfolgen, welcher je nach dem Inhalt der Anschauung entweder in der Behandlung oderin der Verarbeitung derselben besteht. Was nämlich bloß geschichtliche Anschauung ist,das kann im Unterricht nur behandelt, nicht verarbeitet, und so nicht im engcrn Sinnegelernt werden. Nicht als ob Geschichte überhaupt nicht verarbeitet werden könnte,vielmehr lernen ja diejenigen allein wirklich Geschichte, welche das Material selbständigverarbeiten; aber auf Schulen wird Geschichte nur durch Mittheilung von Seiten des