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1 (1877) A - Liebe
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Lateinische Sprache.

complicirten Verhältnissen in Staat und Gesellschaft, und auch nicht arm an Gestalten,welche als Beispiele hoher Gesinnung, patriotischer Aufopferung, fester Männlichkeit

aufwärts ziehen. ..

Was die Behandlung der Lectürc betrifft, so rst sie mcht wesentlich verschiedenvon der auf der vorhergehenden Stufe beschriebenen, sie wird nur an Lehrer undSchiller hinsichtlich der Vorbereitung und der deutschen Uebersetzung so wie der Durch-arbeitung des Stoffes nach verschiedenen Richtungen, namentlich bei der Repetition,steigende Anforderungen stellen. Uebersetzung einer Stelle, auf welche der Schillernicht präparirt ist, kann je und je versucht werden, um den Grad der erworbenenselbständigen Sprachfertigkeit zu prüfen; es zur Regel zu machen, möchten wir wider-rathen, weil die Schüler dadurch gewöhnt werden können, von ihrer Befähigung zuviel zu halten und die Ausgabe leichthin und oberflächlich zu erledigen.

Auf dieser Stufe ist der Schüler schon auch empfänglich für poetische Formen.Die Poesie ist ihm gewiß in der Muttersprache schon seit längerer Zeit nahe getreten,jedenfalls als heilige Poesie, in den Psalmen und Kirchenliedern, meistens aber auchin Erzeugnissen der weltlichen Dichtkunst. Da ist es denn wohl am Platze, wennder junge Lateiner auch von den römischen Dichtern etwas zu schmecken bekommt.Es dient zu seiner Bildung, wenn er das epische und elegische Versmaß und seine inVergleichung mit dem deutschen strengen Gesetze kennen lernt; er weiß dann auch dendeutschen Vers sicherer zu lesen und zu würdigen. Die wichtigsten prosodischcn Regelnkönnen ihm dabei nicht erspart werden; das Scandircn lernt er am besten, wenn derLehrer gut vorlicst, zuerst ganz taktmäßig, und dann die Schüler im Chor Nachlesenläßt. Kleine poetische Chrestomathieen, wie Gaupps Anthologie, Siebelis tirooiniumxostieuw, mit den schönen Sprüchen antiker Lebensweisheit oder auch hübschen Er-zählungen aus den Metamorphosen und Fasten Ovids bereichern den Anschauungskreisder Lernenden in erfreulicher Weise.

Von hoher Wichtigkeit ist aber auf dieser den lateinischen Unterricht abschließendenUntcrrichtsstufe die lateinische Komposition, auf welche wir deshalb hier noch ausführ-licher eingehen. Wir setzten schon in der bisherigen Darstellung die Ueberzeugungvoraus, wer eine fremde Sprache zu seiner Bildung lernen wolle, dem sei die Schrcib-übung ebenso unerläßlich, wie die Uebung im Uebersetzen aus der fremden in dieMuttersprache. Wenn der Schüler über die ersten Anfänge hinausgckommen ist, einenschönen Vorrath von Vocabeln gesammelt und durch die Lectüre sich für den Inhaltverschiedener Lebensgebicte die bezeichnenden Ausdrücke angeeignet hat, so gewährt ihmdie Composition, je weitere Fortschritte er macht, um so höheren Gewinn. DieElementargrammatik wird nur noch gelegentlich geübt, grammatische Feinheiten werdendenen überlassen, welche Philologie studiren, die Aufgaben zu Schrcibübungen nehmenmehr auch stilistischen Stoff in sich auf. Der Schüler findet, wie ein lateinischer Satzins Deutsche übersetzt manchmal nur dann gut klingt, wenn gewiße Formveränderungenmit ihm vorgenommen werden, wenn er z. B. aus einem passivischen in einen activischenumgewandelt wird, oder wie die deutschen Adverbien im Lateinischen mit sogenanntenunvollständigen Verben zu ersetzen sind, z. B.gewöhnlich" mit soloo,nachgerade"mit eoexi und Achnliches. Er macht bei der Lectüre die Warnehmung, wie es zumUnterscheidenden der römischen Sprache gehört, daß sie ihre Sähe enger an einanderund in einander fügt als die deutsche, und indem er beim Uebersetzen eines deutschenTextes diese Eigenthümlichkeit nachzubildcn sich bemüht, dringt er zugleich in dasInnere der Gedanken tiefer ein, um eben die logischen Verhältnisse genauer zu be-zeichnen, theils indem er coordinirte deutsche Sähe mit den entsprechenden Füge-wörtern zu subordiniyten macht, theils indem er ohne Verbindung an einander gereihteSähe durch die richtigen Bindewörter mit einander verknüpft.

Ein anderes aber ist vielleicht noch höher anzuschlagen. Die Sprache ist ein Bildder Volksseele; die einem Volke cigcnthümlichen Auffassungen der Dinge nach allenihren Seiten, vor allem seine Anschauungen der Verhältnisse des geistigen Lebens insocialer, intellectucller, sittlicher, religiöser, ästhetischer Beziehung in der Spracheprägen sie sich aus; wer eine fremde Sprache, und vollends wer die Sprache einesVolkes wie das römische lernt, mit einem so scharf bestimmten Nationalcharakter, mitso ausgearbeiteten Typen auf allen Gebieten des inneren Lebens, der wird zugleich ge-