Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
799
Einzelbild herunterladen
 

Lateinische Sprache.

799

Schulgrammatik von Hermann und Weckherlin, die sich auch außerhalb Württembergsmanchen Lehrern empfohlen hat; ihre Einrichtung stimmt in Hauptpnncten mit den An-sichten des Unterzeichneten überein. Es gicbt jedoch viele Wege, die zum Ziele führen.

Es muß aber zu einem zweckmäßigen Elemcntarbuch noch anderes hinzukommcn,in erster Linie ein gewandter und fleißiger Lehrer, der sich nicht auf das Buch be-schränkt, sondern seine Schüler je nach ihrem Bedürfnis an weiteren Sätzen, die ihmder Augenblick eingiebt oder die er zu diesem Behufe vorbereitet hat, solange übt, bisdie Sache, um die cs sich handelt, ihnen zum sicheren Verständnis gebracht und ge-läufig geworden ist. Und zwar muß dies nicht nur mündlich, sondern auch schriftlichgeschehen, und aus dem letzteren erwächst dem Lehrer eine nicht geringe, aber unerläß-liche Arbeit; denn förderlich sind diese Arbeiten nur dadurch für den Schüler, daßder Lehrer sie jedesmal pünctlich corrigirt und die Correctur für ihn fruchtbar macht.Eine reiche Sammlung von Beispielen dieser Art, mit denen er abwcchseln kann, istauf dieser wie auf den folgenden Stufen für den Lehrer ein wcrthvollcr Besitz, dessenMehrung er sich im Interesse seines Berufs eifrig angelegen sein läßt. An dem Fleißund der Pünctlichkeit in der Correctur der Schülcrarbciten, von welcher die Fort-schritte der Schüler ganz wesentlich mitbedingt sind, ist die Treue des Lehrers haupt-sächlich zu messen. Eine Hausaufgabe von wenigen Sätzen sollte wo möglich jedenTag gegeben und vom Lehrer corrigirt, desgleichen sollten die in sämmtlichcn Ueber-setzungsstücken enthaltenen Vocabeln regelmäßig auswendig gelernt werden. Solche kleineUcbcrsctzungen ins Lateinische sind die naturgemäßen Anfänge der Production, welchefür die receptive Thätigkeit deS Lernenden die nothwendige Ergänzung bildet und dasganze Geschäft des Unterrichts auch auf den weiteren Stufen Schritt für Schritt be-gleitet; sie ist zugleich die beste Controle für die Fortschritte des Schülers; aus der Sicher-heit in der Anwendung des Gelernteil ist zu erkennen, wie weit der Unterricht fcstsitzt.

Im Anfang werden die Schüler, nachdem ihnen das Deutsche dictirt worden ist,angeleitet, wie sie die Sache nun anzugehen haben; sie construiren den Satz unterLeitung des Lehrers und übersetzen ihn mündlich, so daß ihnen die Ausgabe, dasLatein zu Hause zu schreiben, sehr erleichtert ist; allmählich aber tritt diese Nachhülfezurück und beschränkt sich auf die schwierigeren Stellen, bei welchen die Schüler voraus-sichtlich fchlgrcifen würden, bis sic zuletzt dahin gelangen, die Aufgabe in voller Selb-ständigkeit zu lösen.

Ta ist es denn sehr wichtig, daß der Lehrer den allgemeinen didaktischen Grund-satz durchführe: sich seine Aufgabe im voraus planmäßig einznthcilcn und von dem soeingetheilten Wege in stetem, ruhigem Fortschritt jede Woche eine kleine Strecke zurück-zulegcn, aber nicht eher weiter zu gehen, als bis das Bisherige fest gefaßt ist undder Schüler das' Ganze als sein Eigenthum weiß, der Lehrer aber sich in häufiger,verständiger Wiederholung davon überzeugt hat. Die Anlegung, Vermehrung undErhaltung eines wohlgcwähltcn Docabelnschatzes mnß Gegenstand planmäßiger Sorgedes Lehrers sein. Beim weiteren Fortschreiten des Unterrichts empfiehlt es sich, umdas gleich hier im voraus zu sagen, die Vocabeln nach etymologischer Verwandtschaftzusammenzustellen und so noch andern Gewinn daraus zu ziehen. Die Schüler lernendabei durch die Beobachtung ähnlicher Beispiele und ganzer Wortfamilien die Bedeu-tung der Ableitungsendungen: bei den Adjectivcn (-osns, -ilis re.), bei den Verben(den Frequentativen, Dcsiderativen, Inchoativen), und der Zusammensetzungen besondersbei den Verben, sie lernen fast von selbst die Gesetze der Formvcränderungen (a§oadiZ-o, kssio eonüeio) u. s. f., so daß sie schon durch den Klang zur Ahnung oderErkenntnis der Bedeutung geleitet werden.

An die zwei ersten Declinationen schließen sich in gleicher Behandlung die übrigenan, desgleichen die Pronomina, Numeralia, die Steigerungsformen (der Ädjective undder Adverbien), sodann in allmählicher Erweiterung die wichtigsten Formen des Activsund sofort die ganze regelmäßige Conjugation nebst dem Deponens. Um den Infinitivcinüben zu können, wird xossum dazugenommen, desgleichen volo nebst nolo und mslound so mit den Zusammensetzungen. Bei der Einübung der Casus werden die Prä-positionen dazu gelernt, bei der Bildung der Sätze die häufigsten Conjunctionen, so-weit sie nicht subordiniren, sondern coordiniren und keinen Einfluß auf den Modus desVerbum haben.