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1 (1877) A - Liebe
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Lateinische Sprache.

chen die Formen der Wörter unterworfen sind, und der Gesetze, nach denen sic sichzu Sätzen zusammenfügen, erhält der Schüler den Schlüssel in die Hand, um denInhalt der fremden Sprache zu erschließen, um das in der fremden SpracheGesagte stofflich zu verstehen, in den Sinn einer Rede, eines Schriftstellers einzu-dringen, also in demselben Verhältnis, wie er im Fortgang der Entwicklung die fremdeLiteratur kennen lernt, auch die Nationalität, die Anschauungs-, Empfindungs- undHandlungsweise, sowie die Männer, Thaten und Erlebnisse der andern, in unseremFalle der römischen Nation zu erkennen und verstehen zu lernen, was natürlich umso, werthvoller ist, je vollendeter nach Inhalt und Form die betreffende Literatur ge-nannt werden mnß. In höherem Maß und größerem Umfang ist dies nur möglichauf denjenigen Unterrichtsstufcn, welchen der reifende Jüngling angehört, und bei derBeschränkung, welche die Bestimmung unseres Handbuchs uns auferlegt, können nebendem, was unter den drei ersten Puncten angedeutet ist, nur die Anfänge der in dieserRichtung erstrebten Geistesentwicklung in Aussicht genommen werden; doch sind auchdiese Anfänge nicht zu unterschätzen als eine Grundlage, auf welcher das spätere Lebenunter günstigen Umständen weiterbauen kann.

Von der sogenannten formalen Bildung als einem Specificum des Latein-lerncns, sofern" darunter wie gewöhnlich die Uebung und Schärfung der Geisteskraftverstanden wird, möchten wir nicht reden, da jedes richtig betriebene (nicht mechanische)Unterrichtsfach diese Frucht trägt. Will man aber den Begriff ausdehnen und auchdie Anregung des Gefühls, die Bildung des Sinns für das Schöne, die Weckungund Klärung der Idee des Guten, Edlen und Erhabenen darunter begreifen, so istgewiß anzuerkennen, daß solche Bildung auf dem Wege des Sprach- und Literatur-studiums in ganz anderem Maße zu gewinnen ist, als mittelst der sogenannten exactenFächer; allein diese Art von Bildung, welche nicht von den drei ersten, sondern ebennur von dem vierten Gesichtspuncte aus sich ergicbt, sollte man lieber materiale stattformale, oder noch genauer ethische Bildung nennen und dabei nicht vergessen, daß siemittelst der sprachlichen Studien nicht schon auf den eigentlichen Elemcntarstufen zugewinnen ist.

Diese vier Gesichtspuncte aber sehen wir als maßgebend an für die Methode desUnterrichts im Lateinischen, und weil wir es als nothwendig erkennen, daß der Lehrersie von Anfang an im Auge behalte, so vermögen wir die sogenannte praktische Me-thode, für welche bedeutende Namen geltend gemacht werden können, nicht gut zu heißen.

Die Freunde der praktischen Methode, wie wir sie nennen wollen, verzichten aufalles Regelwesen und sagen: nicht nur der Ungebildete, der als Erwachsener in dasfremde Land kommt und die fremdsprcchendcn Menschen allmählich verstehen zu lernenund mit der Zeit sich ihnen verständlich zu machen suchen muß, sondern jedes Kind,das von seiner Umgebung die Muttersprache lernt, gelangt zur Kenntnis und Uebungderselben ohne Regeln, auf dem Wege der Praxis, und dies ist also auch der natur-gemäße, der richtige Weg. Die Vordersätze sind unbestreitbar; aber ebenso unzweifel-haft ist es, daß dem Kinde und dem französisch parlirenden Kellner jene logische Bil-dung nichr zuthcil wird, daß sie auf diesem Wege über eine gewiße praktische Fertigkeitnicht hinauSkommen, zu einem wirklichen Verständnis, zu einem Sprachbewußtseinnicht gelangen. Wer eine zweite fremde Sprache, also z. B. nach dem Lateinischendas Griechische lernt, der mag die ersten Stadien nach der Hamilton'schen Methodezurücklegcn, die logischen Bahnen sind bei der Erlernung des Lateinischen in seinemGcisw schon angelegt und im Bewußtsein befestigt worden. Aber bei der ersten frem-den Sprache einen solchen praktischen Weg betreten, hieße auf einen wesentlichen Bil-dungsgcwinn, den man dabei erstreben kann und soll, verzichten. Montaigne lerntefreilich auf praktischem Wege Latein, weil ihm sein Vater einen Hofmeister hielt, derbis zu seinem siebenten Jahre nur lateinisch mit ihm sprach, und dafür sorgte, daß erauch von seiner ganzen Umgebung kein anderes Wort hörte, als lateinische. Aberabgesehen von der Unmöglichkeit, in welcher sich fast alle Eltern finden würden, dasnachzuthun, wer wollte es über's Herz bringen, seinem Sohne die Muttersprache solange vorzuenthalten? Je weiter der Schüler fortschreitet, desto mehr lernt er durchBeispiele, also der junge Lateiner durch Lesung von römischen Schriftstellern; aber derUnterricht in den Elementen sei grammatisch und er bleibe es in der Hauptsache weit