Lateinische Sprache.
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Stände und die Personen, die nach der Ehre höherer Bildung trachteten, bedurften dieKenntnis der lateinischen Sprache. Das Staatsrccht und das Privatrccht in allenzum ehmaligen großen Reich gehörigen Ländern war römisch, der christliche Gottes-dienst wurde im ganzen Abendland, wohin das Evangelium gedrungen war, in latei-nischer Sprache gefeiert, die Bibel in lateinischer Sprache, der Vulgata, gelesen. Diekünftigen Rcchtsgclehrtcn und Priester mußten Latein lernen, cs wurde die Spracheder Wissenschaft überhaupt. So wurde Latein dasjenige Unterrichtsfach, das vorzugs-weise höhere Bildung gewährte, und verwuchs mit dem Begriff der Bildung in derArt, daß cs überall als das spccifische Merkmal derselben galt. Es stand jedoch sehrlange an, bis man, was so geschichtlich geworden war, als vernünftig zu begreifensuchte. Aber richtig war dieser historische Weg gewesen; sonst wäre er längst auf-gegeben. Wir versuchen dieses in Folgendem nachzuweisen und dabei zugleich dieMethodik des Unterrichts im Lateinischen zu erörtern, bezw. die von uns empfohleneMethode zu begründen.
Der erste Gewinn, welchen die Erlernung einer fremden Sprache gewährt, undso zu sagen der roheste, besteht darin, daß wir lernen: die gleiche Lache, die wir inunserer Muttersprache mit diesem Worte bezeichnen, drückt man in andern Sprachenanders aus. Schon dadurch wird der Lernende über die engen Grcnzpfähle seinesJchs, seiner ursprünglichen Beschränktheit, seines ganzen bisherigen Warnchmcns undVorstcllens hinausgchobcn. Eine zweckmäßige Vcrthcilung der Aufgabe, die Voca-beln der fremden Sprache in beständiger geistiger Arbeit sich anzucignen, gehört alsozu den erste n Forderungen, welche an eine gute Methode auch des lateinischen Unter-richts zu stellen sind.
Der Schüler, der eine fremde Sprache erlernt, muß zweitens erkennen: dieTheile, aus welchen die menschliche Rede besteht, gehören verschiedenen Wörtcrgattun-gen an, die sich hinsichtlich ihrer Form verändern» gen verschieden verhalten, diealso z. B. dcclinirt, comparirt, conjugirt werden können. Da tritt denn nun demAnfänger ein großer Unterschied entgegen, durch welchen ihm ein neues Licht aufgeht:er sieht an den alten Sprachen, zunächst also am Latein, daß die Sprachen gar ver-schiedene Beugungsformen haben, daß sie in Bezug auf die Zahl und Bedeutung derCasus des Nomens, die Genera, Modi, Tempora des Verbums re. gar sehr von ein-ander abweichcn, und dieses dient wiederum wesentlich dazu, seinen Horizont auszu-weiteu. Und hier tritt mm ein Vorzug der lateinischen Sprache vor den gewöhnlichenmodernen ins Licht, den man hoch anschlagcn darf: diese Beugungsformen sind vielunmittelbarer und schärfer ausgeprägt, als z. B. in: Deutschen; der Lateiner verändertbloß die Endungen deS Substantivs, des Verbums, auch wo der Deutsche sich aufandere Art helfen, den Artikel oder eine Präposition (des, den; von, durch) zur Be-zeichnung des Casus, ein Hülfszeitwort (hat, ist, wird; möge, dürfte re.) zur Bezeich-nung des Tempus oder Modus zu Hülfe nehmen muß. Der Schüler muß das Wortund seine Endungen genau ins Auge fassen und erhält damit ein vollkommen ebensogenaues und vollständiges Bild, wie wenn er im Deutschen z. B. das Substantivmit dem Artikel, das Verbum mit den vielleicht weit von ihm getrennten Hülfszeit-wörtcrn betrachtet, und erlernt dieses dann durch eine geistige Thätigkeit, bei welcherdie Receptivität durch eine der Stufe angemessene Produktivität ergänzt wird.
Aus diesen Sprachformen mm bildet sich nach bestimmten Normen der Satz.Soweit diese Normen durch die allgemeinen Gesetze des Denkens bestimmt werden,sind sie logischer Art, soweit sie der besonderen Sprache angchören, sind sie grammatisch.Die logisch-grammatischen Gesetze einer Sprache zu erkennen, ist die dritteHauptaufgabe bei der Erlernung jeder fremden Sprache, und daß das Latein zurLösung derselben in vorzüglichem Maße geeignet ist, beweist eine vielhundertjährigeErfahrung. Will die Methode des lateinischen Elementarunterrichts leisten was siesoll, so muß sie darauf ausgehen, den Satz nach seiner Gliederung verstehen zu lehrenund dadurch den Anfänger sowohl logisch als grammatikalisch zu schulen, damit erin den Geleisen der Denkgesetze wie der Grammatik mit Sicherheit sich bewegenlerne, und auch was unter diesem Gesichtspunkte zu gewinnen ist, kann nur derjenigegebührend sich aneignen, welcher diese Gesetze in fortwährender Arbeit sich einübt.
Mittelst jenes Wörterschatzes und mittelst der Kenntnis der Veränderungen, wel-