Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Langeweile.

Laster.

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Gedeihen behülflich sein, aber die unausgefüllte Zeit kann anch schnell durch den Iwrrorvaoui zu Erfüllung mit Gegenständen treiben, die verderblich sind sei cs in derPhantasie allein oder dazu noch im Sinnlichen. Darum ist räthlich, der Jugend Ab-spanncndes und dennoch Ausfüllendes zu gestatten oder nahezulcgen Musik, Zeich-nen, Beschäftigung im Garten, körperliche Uebungen. Letztere in Form von anmnthigenSpielen dienen besonders fördernd, sofern die körperliche Anstrengung mit einem ge-mächlichen Interesse sich verbindet und der Wechsel des Spiels auch die Seele in Atbemerhält, ohne das geistige Nachdenken in Anspruch zu nehmen. Kant bemerkt sehrrichtig, durch Nichtsthun erhole man sich nur langsam, baut aber hierauf ein Lob desSpielens um Geld. Diese Art von Erholung ist bei vielleicht den meisten Spielernnichts anderes als eine Fortsetzung der Selbstflncht, der sie auch sonst sich befleißigen,und gehört unter diejenigen Mittel, der Langeweile zu entgehen, durch welche man dieZeit rodtschlägt anstatt sie auszufüllcn. Das Romanlescn ist ebenfalls ein bedenklichesMittel und wird ebenso gerne Zweck, wie das Spielen. Man hat übrigens ein deut-liches Erkennungszeichen für das Passende eines Zeitvertreibs: jeder Zeitvertreib istpositiv schädlich, bei dessen Ende der Mensch noch langweiliger geworden ist als zu-vor. Blasirtheit ist habituelle Langeweile, hcrrührend ans Abstumpfung durch Ucbcr-reiz; in diesem Fall ist das Gemüth grau überzogen durch Mischung aller Farben imRegenbogen des Genusses. (Vgl. den Art. Blasirt.)

Langweilig wird in Gesellschaft, wer über nichtige Dinge wichtig oder über wichtigeendlos spricht, und insofern streift die pädagogische Bekämpfung der Langenwcile anchin das Gebiet der Anstandsregeln. Wesentlich aber geht sie ans tiefere Schäden los,denn die Zeit nicht auSfüllcn heißt das Leben vergeuden.

Laster. (Vgl. den Art. Das Böse.) Unsere Sprache ist reich ausgcstattet mitBezeichnungen für die Arten und Stufen des habituellen sittlich Bösen. Wir redenvon Mängeln, von Fehlern, von schwachen Seiten, von Untugenden, von Lastern, von 'Lasterhaftigkeit, von Verstocktheit. In dieser Scala von Ucblem, was der Mensch nichtbloß thut, sondern was er an sich hat, ist dem Laster seine bestimmte Stelle an-zuweisen und dieser gemäß das pädagogische, Verfahren der Gegenwirkung und Heilungdarzulegcn.

Einen Mangel im ethischen Sinne sehen wir da, wo nach der Vorschrift desSittengcsetzes eine Tugend sein sollte, aber die Stelle derselben leer ist. Hieraus istaber sogleich klar, warum dieser Gegenstand eigentlich noch kein Object für die Er-ziehung bildet. Denn wo eigentlich alles noch leer, noch erst im Werden ist, da gicbtsnoch keine leeren Stellen. Der Erzieher wird zwar schon warnehmcn können, daßan dem oder jenem Punct ein Mangel sittlichen Interesses dereinst eintrcten könnte;er wird also gerade nach dieser Seite hin, weil der Trieb fehlt, das Gewissen zuwecken suchen; aber dem Hcrvortrcten von Mängeln kann er damit dennoch nicht Vor-beugen, weil sich später oft der Sinn nach ganz andern Seiten hin verschließt undöffnet, als er cs im Jugendalter war. Selbst durch Erzeugung eines strengen Pflicht-bewusstseins wird praktisch das Entstehen von Mängeln nicht unmöglich gemacht, weil,wo es am sittlichen Trieb in einer bestimmten Beziehung fehlt, alsbald auch der Ver-stand den Beweis zu liefern bereit ist, daß in jener Beziehung gar keine Schuldigkeitvorlicgc. Dann aber ist allerdings die.Stnfe des bloßen Mangels schon überschritten;aus dem Mangel wird cim Fehler.

Zwar unterwerfen wir auch den Fehler noch einer schonenden Beurtheilung,sofern die Passivität des Willens dessen Activität übcrwiegt; doch denken wir uns den-selben als wesentlich imputabel und in Vergleich mit der Negativität des bloßenMangels als etwas positives. Der Fehler beruht zwar auf sittlicher Schwäche, istaber schon viel weniger, als ein Mangel, durch anderweitige Tugenden zu decken, zuüberstrahlen, weil, wenn der Wille in andern Stücken kräftig genug ist, ihm alsdannauch zugemuthct werdeu kann, daß er in jenen Beziehung seine Schuldigkeit thue.Pädagogisch ist der Bildung von Fehlern nur entgegenzuwirken durch die Zucht, dieeiner fehlerhaften Neigung die Befriedigung versagt oder dieser durch Strafe ein Gegen-gewicht giebt, so daß eine Gewohnheit gar nicht entstehen kann; aber durch eine Zucht,die ebensosehr auf positivem Wege den Willen stärkt und das Gewissen schärft fürden künftigen Kampf. Das sittliche Gebrechen ist seinem Wesen nach identisch mit