Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Kunst.

Es gebührt ihr schon deswegen eine eingehende Berücksichtigung bei der Erziehung,weil ohnedies ein wesentliches und für das Verständnis der inneren Geschichte derMenschheit nicht minder als für die gegenwärtige Bildung bedeutendes Gebiet desgeistigen Lebens den Zöglingen uncrschlosscn und eine wesentliche Seite ihres eigenenGeistes unentwickelt bleiben würde. Aber auch die intellectuclle und sittliche Bildungleidet unter der Vernachlässigung der ästhetischen. Denn es stehen jene drei Richtungendes menschlichen Geistes in der innigsten Wechselbeziehung zu einander. Durch denreinen, empfänglichen Sinn für Wahrheit und durch den sittlichen Ernst der Gesinnungdes Künstlers ist der Reichthum und die Tiefe des Gehaltes des Kunstwerks bedingt;aber andererseits wird auch durch die belebende Kraft der Phantasie, welche die eigent-liche Grundkraft des künstlerischen Lxhaffens bildet, der Fortschritt in dem Gebiete desErkcnnens und des sittlichen Lebens gefördert, und wahre Virtuosität auf dem Gebietedes Erkcnnens wie des sittlichen Handelns ist darum ohne die Betheiligung der Phan-tasie nicht möglich. Das Wahre, Gute und Schöne haben eben bei aller Eigenthüm-lichkeit ihrer Gebiete doch das mit einander gemein, daß alle drei die Richtung desGeistes von dem Einzelnen auf das Allgemeine, von dem Endlichen auf das Unend-liche und von dem Menschlichen auf das Göttliche darstellen.

Die Beziehung des Menschen in der alle diese Seiten des Geistes zusammen-fassenden Totalität seines Wesens auf das Allgemeine, Uebcrsinnliche, mit Einem Worteauf das Göttliche ist nun aber die Religion. Tic Religion ist ihrem inneren Wesennach die in: tselbstbcwußtscin unmittelbar sich kundgcbende Bestimmtheit des Menschenin der Totalität seines Seins durch Gott. Und um dieser Unmittelbarkeit willen stehtdie Religion gerade zu der Kunst in einer besonders nahen Beziehung. Darum ist beiallen nur einigermaßen ausgebildeten Religionen die Kunst die stete Begleiterin derReligion. Insbesondere hat das Christenthum, dessen Stifter in seiner Person selbstdie vollkommenste Durchdringung des Göttlichen und Menschlichen darstcllt, getreuseinem Worte, er sei nicht gekommen, daß er die Welt richte, sondern daß die Weltdurch ihn selig werde, das Recht des Menschlichen neben dem Göttlichen anerkanntund dadurch dem Walten der wahren, das Einzelne und das Allgemeine versöhnendenKunst freie Bahn gemacht. Das apostolische Wort:Alles ist euer!" darf der Christauch aus die Schöpfungen der Kunst anwenden, und wie es ein tief bedeutsames Wortvon Herder ist:Die höchste Liebe wie die höchste Kunst ist Andacht", und von Göthe:Die Menschen sind in Poesie und Kunst nur so lange productiv, als sie religiössind"; wie die Kunst das Höchste, was sie hervorgebracht hat, jederzeit im Dienste derReligion oder doch, wenn auch in zeitweiligem Gegensätze gegen deren kirchliche Er-scheinungsform, ans dem Grunde eines riefen religiösen Interesse leistete: so wird man,wie wenig man auch den Werth schlichter Frömmigkeit gering achtet, doch sagen dürfen,eine geschmacklose Frömmigkeit, die nicht einmalin geistlichen lieblichen Liedern" auchkünstlerisch productiv wird, wird schwerlich eine vollkommen gesunde und lebendige christ-liche Frömmigkeit sein.

Gerade von diesem Gesichtspunkte aus muß nun auch die hohe Bedeutung derKunst als -Erziehllsigsmittcl einlcuchten. Nicht religiöse Lehren und sittliche Grundsätzeund Antriebe soll sie unmittelbar mittheilen; dazu ist die schlichte Prosa ernster Lehreund Mahnung geeigneter. Aber indem sie Sinn und Willen der dumpfen Befangen-heit in dem einzelnen sinnlichen Eindrücke entnimmt und der sinnlichen Einzelheit diegeistige Weihe ertheilt, stellt sie in dem Geiste jene Harmonie her, in welcher derselbegleich befähigt ist, einerseits die einzelne sinnliche Erscheinung, die einzelne Erregungdes Gemüthes und Willens ans das Allgemeine und Uebcrsinnliche und andererseitsdas allgemeine Gesetz auf die concreten Verhältnisse zu beziehen, in welchen es zulebendiger Verwirklichung kommen soll. Diese Versöhnung der natürlichen Neigungmit dem Gesetz, wodurch jene ihre Weihe, dieses seine Lebendigkeit erhält und derMensch aus der fatalen Nothwcndigkeit befreit wird, welche der kategorische Imperativichm auserlegt,seine Pflicht mit Abscheu zu thun", das ist das Ziel, welchesSchiller derästhetischen Erziehung" in seinen bekannten Briefen gestellt hat. Unddie ästhetische Erziehung in dem hohen Sinne, in welchem er sie fordert, fällt in ihreminnersten Wesen nnt einer lebendigen religiösen Erziehung im Sinne des christlichenPrincips zusammen. Seine Forderung:Nehmt die Gottheit auf in euren Willen"