Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
705
Einzelbild herunterladen
 

Karl der Grobe.

705

reichs von wissenschaftlicher Bildung zurückgeblieben waren, so konnte doch eine kräftigwirkende Intelligenz das Fehlende mit einiger Sicherheit theils ans Italien, thcils ansIrland und England ergänzen, wo ein gcwißer Reichthnm von Wissenschaft und Ge-lehrsamkeit sich erhalten hatte. Freilich fehlte zunächst wohl den allermeisten, welcheKarl umgaben, für seine großen Gedanken das Verständnis und zur MitwirkungFähigkeit und Muth, die Völker aber waren bei großer Bildungsfähigkcit und regemBitdungstriebe noch immer wenig geschickt, die höhere Bildung auch selbst in ihrenElementen auf rechte Weise sich anzueignen. Offenbar war durchgreifender Erfolg nurdann möglich, wenn die Kirche im ganzen zur Mitwirkung sich entschloß; dazu abergehörte, daß sie selbst erst, wenigstens in ihren Häuptern und Lenkern, von Karlsgewaltigem Geiste ergriffen wurde und rasch ein Bewußtsein der zu lösenden Aufgabegewann, die sie völlig als ihre eigene anzusehcn hatte.

II. In Karl selbst war ein unauslöschlicher Durst nach Bildung. Die Lückenseiner Jugendbildung suchte er aufs eifrigste auszufüllcn; er lernte das Lateinische biszu völliger Sicherheit; er studirt das Griechische, um die lateinische Uebersetzung derEvangelien mit dem Originale vergleichen zu können; er denkt sich in die schwierigstenGlaubenslehren hinein und ist durch die Belehrungen, welche seine Bischöfe ihm gebenkönnen, schwer zu befriedigen; er läßt sich bei Tische Geschichtsbücher oder AugustinsWerk vom Gottcsstaatc vorlesen, und wenn er, wie öfter geschieht, des Nachts nichtschlafen kann, übt er seine gewaltige Rechte, die besser an die Führung des Schwertesgewöhnt ist, in schönen Schriftzügen. Dabei hat er aber ein warmes Herz für dieSprache und die Heldengesänge seines Volkes, sucht jener grammatische Bestimmtheitzu geben, diesen ein Fortwirkcn auch in der Zukunft zu sichern.

Aber um Werkzeuge für Verbreitung der Bildung in großer Anzahl zu erhalten,erstrebte er nun auch mit ganz besonderem Eifer Heranbildung eines für das großeWerk geschickten Klerus, damit die Kirche wieder in vollem Maße die Lehrerin derVölker würde. Sein Verhältniß zu den Päpsten, die in weltlichen Dingen so vielfachabhängig sind von seiner Macht, war in kirchlicher Beziehung sehr weit von byzan-tinischer Praxis entfernt. Staat und Kirche, jener als Vertreter des zu neuen Ent-wicklungen aufstrebenden Gcrmanenthums, diese als Bewahrerin römischer Traditionenund Institute, haben kaum jemals in einem so glücklichen und wechselsweise förderlichenVerhältnisse zu einander gestanden, als unter ihm. Aber die Widerstrebenden undBöswilligen unter dem Klerus ließ er das volle Gewicht seines Ernstes empfinden.Denn es handelte sich für ihn ja darum, daß Bildung in alle Kreise des Volkes hinein-getragen würde. Darin aber haben wir sein größtes Verdienst zu erkennen, und eserscheint seine Thätigkeit in dieser Beziehung um so bewundernswürdiger, wenn wiruns vergegenwärtigen, daß lange Jahrhunderte nach ihm weder Trieb noch Kraft gehabt,die hohen Gedanken, die er zu verwirklichen strebte, wieder anfzunehmcn und fortzu-führen. Karl wollte in der That Bildung für alles Volk und durch die Kirche.Daneben aber lag es ihm doch stets wieder am Herzen, im engeren Kreise gelehrte Bildungauch durch elastische Studien zu begründen. Im Gegensätze zu dem, was Gregor derGroße ausgesprochen hatte, daß die geoffenbartc Wahrheit nicht an die Regeln Donatsgebunden werden dürfe, erstrebte Karl eine Restauration der elastischen Latinität und,besonders mit Rücksicht auf die Gewinnung eines richtigen Schriftverständnisses, Ein-richtung auch griechischer Studien. Mit feinem Sinn für schöne Form erkannte erauch die aus dem Alterthum erhaltenen Reste der bildenden Kunst offen an.

III. Vor allem bemühte sich nun Karl, von allen Seiten tüchtige Männer umsich zu versammeln. Die ersten Gehüsten für sein Werk gab ihm Italien, wo fortund fort Reste antiker Wissenschaft sich erhalten hatten, und selbst griechische Spracheund Literatur (namentlich durch die vor den Jkonoklasten geflüchteten byzantinischenMönche) bekannt geblieben waren. Rom hatte seine Schulen, und als Karl 774 zumersten Male dort einzog, drängten sich auch zahlreiche Schüler in seine Begleitung. Sooft er seitdem Rom besuchte, nahm er Lehrmeister von dort für seine Völker mit, soaus Pavia Petrus von Pisa, der im königlichen Palaste Grammatik lehrte und lateinischeDichter erklärte, und Paulus Diakoyus, der selbst Karls Tochter, Rotrudis, welcheGemahlin des byzantinischen Autokrators werden sollte, im Griechischen unterwies.

Pädag, Handbuch. I. 45