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1 (1877) A - Liebe
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Kant.

Karl der Erohe.

Nimmt man noch dazu, daß dieser fleißige, ordnungsliebende, tugendhafte, zuver-sichtliche und vernünftige Mann einer der scharfsinnigsten und unabhängigsten Geisterwar, so wird man cs begreiflich finden, daß von ihm eine ganz neue Acra der Wissen-schaft datirt und daß er dem deutschen Kulturleben und mit ihm dem ganzen geistigenWcltlebcn einen Impuls gegeben hat, dessen Vibrationen sich bis auf die Gegenwarterstrecken.

Karl der Große. Im ganzen Bereiche der Geschichte giebt es wenige Fürsten,welche in so eminentem Sinne epochemachend gewesen sind als Karl der Große. NachJahrhunderten zielloser Krastcntfaltung und heilloser Zerrüttung hat er die germanischenVolker des Festlandes mit starker Hand zu einem Ganzen verbunden und auf gemein-saure Aufgaben hingelcitet; dadurch aber, daß er alle vorhandenen Mittel der Bildungfür den Vvlkerkrcis, in dessen Mitte er stand, mit klarer Besonnenheit und rastlosemEifer aufbot und die große Institution der Kirche wieder zu eingreifender und nach-haltiger Wirksamkeit für die wichtigsten Angelegenheiten des Menschen- und Völkcrlcbensanregte, hat er für alle geistigen Entwickelungen des Mittelalters im Grunde doch dieZiele gesteckt und die Richtungen bestimmt. Denn wie das Kaiserthum deutscher Nationin ihm seinen Ausgangspunct gesehen und an das, was er gethan hatte, seine An-sprüche geknüpft hat, so ist in den Trägen: der päpstlichen Gewalt die Erinnerung andas, was diese durch ihn geworden, fort und fort lebendig geblieben. Als Vorkämpferdes Christenthums gegenüber den Heiden und den Bekenner» des Islam hat er fürdas Ritterthum der folgenden Geschlechter die Bedeutung eines unerreichbar glänzendenVorbildes gewonnen und durch die Verehrung der Kirche in den Reihen der Heiligeneine Stelle erhalten. Was die Wissenschaft nach ihm in sieben Jahrhunderten ge-schaffen, hat die Dankbarkeit der Nachwelt mehr oder weniger auf seine Veranstaltungenzurückgcführt.Vor Karls Große", sagt Grcgorovius,und der welthistorischen Be-deutung des Propheten, der er war, verringert sich der Ruhm Alexanders, Casars,Trajans, und der späte jener negativen Kraft Napoleons , und sein schöpferisches, zu-fammenfasscndes, sammelndes, Keime ausstreucndcs Genie wird zu einem einzigenPhänomen der Geschichte, weil er die Seligkeit des Schaffens nicht, wie sonst denSterblichen bestimmt ist, durch eine Martcrkrone büßte".

Auch in der Geschichte der Pädagogik nimmt er eine höchst bedeutsame Stelle ein.Selten dürfte ein Herrscher seinem Berufe, für die Bildung der unter seiner LeitungStehenden zu sorgen, mit gleicher Weisheit und Entschiedenheit entsprochen, selten einerwiderstrebenden Verhältnissen mit größerer Kraft seinen Willen aufgenöthigt und rascheraus harten: Boden fröhliche Saaten hcrvorgcrufen haben. Wenn nur seine Bemühungenum Volksbildung und Jugcndunterricht in einer 45jährigcn Regierung (768814)betrachten wollen, müßen wir uns vergegenwärtigen: 1) was Karl vorfand, 2) waser wollte, 3) welche Mittel er anwandte, 4) was er vollbrachte.

I. Die germanischen Völker, an deren Spitze er trat, und die er zu vereinigenunternahm, waren zunächst noch mannigfach gespalten durch Glauben und Bildung,durch Rechtsbrauch und Sitte, durch Bedürfnisse und Bestrebungen: die einen von derrömisch-christlichen Bildung längst ergriffen und zum Theil schon mit den Bevölkerungender in den Stürmen der Völkerwanderung eroberten Länder verschmolzen, die andernnoch in ungebrochener heidnischer Wildheit und jeden mildernden oder umbildendenEinfluß von jener Seite schroff abwehrcnd. Die Kirche, welche die Aufgabe zu habenschien, die Gegensätze auszugleichen und Verbindungen cinzuleiten, war noch nicht zudurchgreifenden Erfolgen gelangt, und wie sie noch kaum versucht hatte, ii: den Ländernzwischen Weser und Elbe festen Fuß zu fassen, so war ihre Wirksamkeit auch in denschon gewonnenen Gebieten zum Theil noch immer eine sehr zweifelhafte. Die römischeBildung und Literatur hatte gerade in den fränkischen Ländern weniger als in andernThcilen des zerfallenen Weltreichs lebendig und stetig fortzuwirken vermocht und warin der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts bis auf einzelne Ueberreste verschwunden.Andrerseits war die Einigung der germanischen Völker durch Karl Martell und Pipinmit Kraft und Klugheit cingeleitet; die fränkische Kirche hatte unter Pipin aus ihremVerfall zum Theil sich wieder aufgerichtet und durch die fester geknüpfte Verbindungmit Rom für ihr Walten höhere Sicherheit und neue Impulse erhalten. Wie schwachdann auch immer die Ileberlicferungen sein mochten, die auf dem Boden des Franken-